Als Redakteur der „Schweriner Volkszeitung“ bei der Bodenreform

Gerade in der Redaktion der „Schweriner Volkszeitung“ angekommen, ging es schon hinaus ins brodelnde Leben der Bodenreform. Es war nicht einfach, in die Dörfer zu gelangen. Per Anhalter und zu Fuß mußten oft große Strecken bewältigt werden. Aber, was man erlebte, das war überwältigend. Oft bisher unscheinbar lebende Landarbeiter wuchsen in diesen Wochen, oft in Tagen, zu dörflichen Persönlichkeiten heran, die das bisher vom „Herrn Grafen“ bestimmte Leben in die eigene Hand nahmen. Viele Jahre scheinbarer Stillstand verwandelte sich in diesen Tagen zu freiheitlichem selbstbewußtem Leben derer von unten. Ein neues Dorf war im Entstehen begriffen. Mir war das Glück beschieden, dabei zu sein.

Mein Auftrag lautete zunächst – Seehof. Ich sollte das Leben in und nach der Bodenreform beschreiben. Kurz vor Seehof diskutierten auf einem Acker mehrere Menschen. Ich gesellte mich dazu. Auf dem Ackerboden saß ein älterer Mann, die Ellbogen auf die herangezogenen Knie gestützt, die Hände vor dem Gesicht und mit dem Kopf schüttelnd, als könne er ein unglaubliches Glück nicht verstehen. Eine Frau lag ausgestreckt auf dem Acker und rief: „Ein Leben lang waren wir auf diesem Boden Knechte, jetzt gehört er uns!“ Ich half ihr auf. Sie sagte: „Sind sie von der Presse?“ Ich erwiderte: „Ja. Volkszeitung“. Da fiel sie mir um den Hals und weinte vor Freude. Ich nahm sie in meine Arme, als wäre sie meine Mutter.

Einige Tage darauf ging es nach Brüssewitz. Mich empfing ein alter Mann. Er sprach mit Feuereifer über Erlebnisse, die ihn bewegten. Ich konnte ihn nicht verstehen, er sprach plattdeutsch. Das kannte ich nicht. Da öffnete sich die Tür. Sein Sohn trat herein. Wir gingen auf die Felder. Pfähle steckten in der Erde. Einer der Umstehenden, jetzt Neubauer, trat hinzu und sagte: „Diesen Pfahl habe ich und mein jetziger Nachbar gesteckt. Wo ich jetzt steh ist mein Acker.“ Bald gesellten sich andere Neubauern hinzu. Ich hatte Mühe, alles aufzuschreiben, was sich in ihrem Leben verändert hatte.

In Dambeck, Altmedeln und mehreren anderen Dörfern, wo ich war, vollzog sich Ähnliches. Das alte Mecklenburg war in wenigen Wochen zu einem Land geworden, das man zu einem der fortschrittlichen Landstriche zählen durfte. Neue Eigentumsverhältnisse, neue Menschen, große Pläne waren entstanden. Der vom Landadel geduckte, schüchterne, gesellschaftlich gleichgültige Landarbeiter, landlose Umsiedler und Kriegsflüchtlinge stiegen auf zu Menschen, die ihr Leben selbstbewußt gestalten.

Es gab auch sonderbare Ereignisse. Bei einer Reportage saß ich einem älteren Mann gegenüber. Er erzählte voll Überschwang von kolossalen Ereignissen, die er spüre. Seine Augen waren starr auf mich gerichtet. Allmählich empfand ich Unbehagen, immer diese starren Augen. Er spürte wahrscheinlich mein Unbehagen und sagte mir, daß er seit seinem 20. Lebensjahr blind sei. Aber er spüre und höre auch, daß die Bodenreform ein Ereignis sei, auf das er schon lange gewartet habe. Ich fragte ihn, ob ich ihm irgendwie helfen könne. „Ja“, sagte er, „besorgen sie mir Blindenschrift.“ In fieberhafter Arbeit gelang es der Reaktion, seinen Wunsch zu erfüllen – es war das „Manifest der Kommunistischen Partei“ von Marx und Engels.

In der Redaktion der „Schweriner Volkszeitung“ gab es in den Wochen der Bodenreform Arbeit fast Tag und Nacht. Die vielen Briefe von Neubauern, die in bewegenden Worten ihr Glück schilderten, jetzt Bodenbesitzer zu sein, füllten ganze Wäschekörbe. Es gab nichts Spannenderes zu lesen, als die Briefe dieser Menschen. Der Redakteur Müller, der das Nazi-KZ überlebt hatte, suchte noch immer seine Frau. Sie war im Frauen-KZ Ravensbrück eingekerkert gewesen. Da kam ein Brief über die Bodenreform bei Ravensbrück, unterzeichnet mit dem Namen Müller. Einige Tage später konnte er seine Frau in die Arme schließen.

Vielerorts gab es verbrannte Erde. Die Bodenreform hatte viele Hindernisse zu überwinden. Die neuen Herren des Bodens mußten nicht selten vorübergehend in halbverfallenen Gebäuden, ja sogar in Erdbunkern hausen. Manchmal traten Fälle von Typhus auf. Aber die Bodenreform war durch nichts aufzuhalten. Und wir mußten den Bauern helfen.

Besonders schwierig war es dort, wo SS und Wehrmacht oft die letzten Häuser zerstört, nutzlose Schützengräben ausgehoben hatten und zerschossenes Kriegsgerät herumlag. Die geflüchteten feudalen Besitzer machten manchmal sogar die landwirtschaftlichen Maschinen und Geräte unbrauchbar. Das wenige Vieh mußte verlost werden. Wer Vieh bekam, durfte glücklich sein. Wer leer ausging, oft Kinder zu versorgen hatte, wußte nicht, wo er für die Familie das Nötigste herkriegen soll. Und es konnte das Vieh auch nicht geschlachtet werden, das man per Los bekommen hatte. Hinzu kam, daß vor allem alte Leute und besonders Frauen Schwerstarbeit verrichten mußten. Die Jugend war im Krieg gefallen oder noch in Gefangenschaft.

Ich war von Beruf Bauer. Ich empfand allergrößten Respekt vor der Arbeit dieser Menschen. Diese Leistung in Worte zu gießen, war Ehrenpflicht jedes Journalisten. Wenn ich die Wochen der Bodenreform zu meinen größten Erlebnissen zählen darf, dann insbesondere wegen der Begegnungen mit diesen Menschen. Ich werde nie ihre Leiden, ihre Schwerstarbeit, ihren Mut vergessen.

Mein Dank gilt an dieser Stelle den Pionieren der Bodenreform in Mecklenburg-Vorpommern – Kurt Bürger, Berhard Quandt, Ernst Goldenbaum und vielen anderen. Sie sind die Wegbegleiter dieser Menschen gewesen.

Leonhard Helmschrott

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*