Arbeiterwiderstand

Im Vorwort zu dem im Karl Dietz Verlag erschienenen bemerkenswerten Buch mit dem Titel „Der vergessene Widerstand der Arbeiter“ stellt Hans Coppi, Herausgeber mit Stefan Heinz, fest, dass sich „anlässlich der Gedenkfeiern zum 20. Juli […] Politiker auf den deutschen Widerstand gegen das Naziregime als integralen Bestandteil der politischen Kultur der Bundesrepublik Deutschland [berufen] und […] die Widerstandskämpfer des 20. Juli 1944 [würdigen]. Der Widerstand aus der Arbeiterbewegung wird nur sehr selten erwähnt.“ Die staatlich betriebene so genannte Erinnerungskultur von Bund und Ländern hat besonders in den letzten Jahren bewirkt, dass der Arbeiterwiderstand vernachlässigt wird und in Vergessenheit gerät. Für das Land Brandenburg sei angemerkt, dass zum Beispiel das von der Brandenburger Landesregierung 2008 verabschiedete Dokument „Erinnerungskultur im Land Brandenburg für die Zeit 1933 bis 1990“ Möglichkeiten der Erforschung und Vermittlung des antifaschistischen Widerstands aus der Arbeiterbewegung nicht mal erwähnt. Auch deshalb sind die von siebzehn Autoren in diesem Sammelband veröffentlichten Beiträge von erheblicher Bedeutung. Sie erbringen den Nachweis, dass „die Ablehnung und die Bekämpfung der Hitlerdiktatur durch Zehntausende aus der Arbeiterbewegung […] weit mehr [war] als ‚unangepasstes Verhalten‘, punktuelle Unzufriedenheit, Distanz, kultureller Eigensinn, loyale Widerwilligkeit oder auch widerwillige Loyalität als defensive, renitente Milieuwahrung.“ So wird im Beitrag von Marion Goers dargelegt, dass der gewerkschaftliche Widerstand gegen die Nazis aus den Reihen des Deutschen Metallarbeiter Verbandes über die ganze Zeit der Naziherrschaft Bestand hatte. Wenngleich eine Minderheit handelte, gelang es, bis 1945 wirksam Widerstand zu leisten. Faktenreich schreibt Stefan Heinz über den kommunistischen Einheitsverband der Metallarbeiter Berlins. Deutlich wird der Wille zum Widerstand und zur Tat, während Parteikalkül die Kräfte des Widerstands zersetzte. Über die Wuppertaler Gewerkschaftsprozesseschreibt Stephan Stracke. Im Großraum Wuppertal war im Sommer 1934 eine größere Zahl betrieblicher Widerstandsgruppen entstanden, in denen wahre Einheitsfront gegen die Faschisten praktiziert wurde. Widerstand und internationale Solidarität und die Internationale Transportarbeiter-Föderation untersucht Dieter Nelles. Dem Roten Stoßtrupp, der Sozialistischen Front, den Freidenkerinnen und Freidenker sind aufschlussreiche Beiträge gewidmet. Anette Neumann und Bärbel Schindler-Saefkow legen Forschungsergebnisse über die Saefkow-Jacob-Bästlein-Organisation 1942 bis 1945 vor. Über den Widerstand der Berliner Sozialdemokraten, über Aktivitäten von Trotzkisten und Anarchisten – in diesem Falle über die Blindenwerkstatt Otto Weidt in Berlin werden Fakten vermittelt. Der Widerstand oppositioneller Kommunisten und deren Verfolgung erfährt Würdigung. Ausländische Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter leisteten organisierten Widerstand. Bereichert werden diese Beiträge, die vielfältige neue Informationen enthalten, durch die sachkundige Analyse von Werner Bramke über „die öffentliche Erinnerung an die Verfolgung und den Widerstand aus der Arbeiterbewegung. Defi zite und Perspektiven.“ Abschließend stellt Heinrich-Wilhelm Wörmann die Schriftenreihe der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin 1933 bis 1945 vor. Das akribisch recherchierte Personenverzeichnis ist ein außerordentlich reicher Fundus du bereichert das sehr wichtige Buch für alle, die sich für Auseinandersetzungen mit der oft geschichtsverzerrenden Gedenkkultur der Gegenwart wappnen wollen.

Gerhard Hoffmann

H. Coppi/St. Heinz (Hrsg.):
Der vergessene Widerstand der Arbeiter.
Karl Dietz Verlag, ISBN 978-3-320-02264-8,
383 Seiten, 29,90 Euro

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