Bellevue *

Im Schloss Bellevue stand er vor einer diffusen Farbfläche, in die Himmlisches zu interpretieren möglich war. An seiner Linken sperrte der deutsche Adler aggressiv seinen roten Schnabel auf, abgebildet auf der Flagge des Bundespräsidenten. Und der hielt in gelernt und gewohnt pastoralem Tonfall eine Rede. Bevor er überhaupt das erste Wort sprach, nannten die gleichgeschalteten Konzernmedien seine gewählten Worte schon eine Grundsatzrede. Es fällt schwer, im Text Grundsätzliches zu finden. Es sei denn, er glaubte, mit seinen Worten tatsächlich Bürger zu erreichen, die sich in Europa, in dem von ihm so definierten „Raum des Wohlstands, der Selbstverwirklichung…“ mit Krisenfolgen auseinanderzusetzen haben. Wer, wie Gauck, ein Jahr im Berliner Schloss Bellevue residiert, das bewies er mit seiner Rede, hebt ab und schwebt über massiver Krise, erstarkendem Neofaschismus, Arbeitslosigkeit, Verelendung, Bildungsnotstand – nicht nur in Deutschland. Wer so redet, weiß nichts von Hartz IV, nicht bezahlbaren Mieten, zunehmender Militarisierung der Gesellschaft, wachsender Not… Die eingeladenen Claqueure waren zu stehendem Beifall genötigt. Die angesprochenen Bürger spendeten ihn nicht. Man muss nicht lange in der Rede lesen, um ihren Kern zu erkennen, der schon 1871 geschrieben wurde: „Leeres Wort: Des Armen Rechte! / Leeres Wort: Der Reichen Pflicht!“ „Am Ende war er sichtlich von sich selbst gerührt“, hieß es in einer Tageszeitung. Hat Gauck vielleicht allein aus diesem Grunde geredet? fragt sich

Till

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