BEWUSSTLOS – Hans Stahl

Nun leben wir im zweiten Monat des Jahres 2014. Warum eigentlich? Wir wissen doch durchaus, die Menschheit existiert keineswegs erst seit 2014 Jahren. Hunderte, ja Tausende Jahre zuvor hatten sich bereits teils hoch entwickelte Kulturen herausgebildet. Diese Realität bestimmt weder unsere Zeitrechnung noch das allgemeine Bewusstsein. Die Folgen lassen sich in einem Artikel nicht einmal ansatzweise darstellen. Auch die bis heute gepflegte Vorstellung, der Deutsche Hermann (wirklich Armin oder Arminius) hätte vor nunmehr 2oo5 Jahren die Römer aus Deutschland getrieben, gehört dazu. Kürzlich las ich gar von Neandertalern als ersten Deutschen.
Die Kluft zwischen Realität und Bewusstsein äußert sich auch in der Leichtfertigkeit, mit der heute ganze Generationen Deutscher als Verbrecher abgestempelt werden, weil sie dem Faschismus nicht widerstanden (der jedoch nicht destotrotz weiterhin offiziell und allgemein mit Respekt Nationalsozialismus genannt wird!), ihn hingenommen oder mitgetragen hatten. Dabei klaffen heute allenthalben genau die gleichen Bewusstseinslücken, durch die auch damals faschistischer Ungeist und Herzlosigkeit ins Volk hinein getrichtert werden konnten. Mit dem Kapitalismus wird auch heute in Deutschland umgegangen, als wäre er noch die Gesellschaftsordnung, die einst beträchtliche Umbrüche und Fortschritte bewirkte. Abgesehen davon, dass dabei all die Not und all das Elend sowie die Ströme von Blut mit Vorliebe verdrängt werden, die jenen Progress begleiteten – dieser Kapitalismus hatte sich aber doch bereits vor hundert Jahren zum Imperialismus hoch gewuchert und gemordet. Dennoch weiß die Mehrheit unseres Kulturvolkes immer noch nicht, was Imperialismus ist. Welch Ausmaß an Bewusstlosigkeit, obgleich der einen Krieg nach dem anderen anzettelt. Obgleich der inzwischen das Dasein der ganzen Menschheit aufs Spiel setzt und das gleich auf mehrfache Weise. O ja, tatsächlich ging die Zahl hungernder und verhungerter Menschen erstmals in den vergangenen beiden Jahren auf unserer Erde insgesamt zurück. Aber doch nur, weil in China, dem volkreichsten Land der Erde, allein 400 Millionen Menschen von der Hungersnot befreit wurden. Prompt gilt dieses Land bei uns als unfrei und totalitär. Die Millionen EU-Menschen, die sich aus Not selbst verkaufen müssen oder wie Sklaven verkauft werden, die verachteten „Armutsflüchtlinge“, werden hingegen als Zeugen für das glückliche Leben aller Deutschen missbraucht. Würden sonst all diese „Halbwilden“ so sehnsüchtig hierher streben? Pfui Teufel.
Im Mittelalter war man unwissend. Wie soll man den heutigen Zustand der Köpfe nennen, ohne beleidigend zu sein? Es mangelt bei uns an Realitätsbewusstsein. Wie man sich an die unsinnige Jahreszahl 2014 gewöhnt, hat man sich längst auch an solche Begriffe wie „Arbeitgeber“ und „Arbeitnehmer“ gewöhnt. Der Mensch denkt jedoch in Begriffen. Sind die Begriffe falsch, so denkt er falsch. Mangelt es an Begriffen, so herrscht Mangel im Kopf. Das nutzen die Arbeitgeber aus, die doch über alle Produktionsmittel einschließlich der gesamten Kulturindustrie verfügen. Mit ihrem Besitz und ihrem Einfluss haben sie eine Macht, mit der die Macht einer Regierung oder die von „Volksvertretern“ nicht annähernd zu vergleichen ist. Die (un -) soziale Klasse der Großkapitalisten hat als angeblicher „Leistungsträger“ längst den Stand einer Adelsklasse erreicht und zugleich den Begriff Klasse aus dem Volksbewußtsein getilgt.
Die arbeitenden Menschen hingegen werden als „Arbeitnehmer“ eben zu nehmenden Bittstellern herabgewürdigt. In der Mehrheit wissen sie nicht, was Ausbeutung heißt. Wenn sie zum Leben einigermaßen ausreichenden Lohn erhalten, dann glauben sie, es herrsche Gerechtigkeit. In der Realität jedoch ist keine Herrschaft so tief greifend und zwingend wie die mittels sozialer Abhängigkeit. Da können Polizei, Justiz, Geheimdienste, Militär, Staatsapparat und Kulturindustrie nicht mithalten. Dennoch gilt der Glaube, der EU-Mensch sei, wenn er ein Parlament wählt, an der Macht zumindest beteiligt. Die mächtigsten Leute im Land, die „arbeitgebenden“ Großkapitalisten, aber werden nicht gewählt, sondern gewinnen ihre die Gesellschaft dominierende Stellung absolut privat.
Solange die Arbeiter nicht ihr Klassenbewusstsein zurückgewinnen, bleiben sie dem gegenüber absolut ohnmächtig. Solange es den Rechten sowie den linken Opportunisten gelingt, den sozialen Begriff Klasse als stalinistisches Unwort zu verfemen, solange können die offenen und verkappten Faschisten von heute daraufhinwirken, aus den großkapitalistischen „Arbeitgebern“ wieder Führer zu machen – oder auch einen royalistischen Adel, der über den EU-Menschen thront.
Wir leben im Jahr 2014. Sowenig diese Jahreszahl dem Alter der Menschheit entspricht, sowenig entspricht das heute vorherrschende Bewusstsein den gesellschaftlichen Realitäten. Mit den Begriffen Arbeitnehmer und Arbeitgeber wird die moderne Fortführung der Beziehungen zwischen Knechten, Leibeigenen oder Sklaven und ihren jeweiligen Herren getarnt. Noch mehr die Weiterführung der Geschichte als Geschichte von Klassenkämpfen auf dem ganzen Erdball. Es wird höchste Zeit, dass sich Kommunisten und in verschiedenen Parteien verstreute Sozialisten gemeinsam auf die Aufgabe konzentrieren, wieder das Klassenbewusstsein zu wecken. Die Verhältnisse des Großkapitalismus schaffen zwar den Boden dafür. Ohne Saatgetreide erwächst daraus jedoch kein Klassenbewusstsein. Nur Kommunisten und Sozialisten können dessen Funktion erfüllen. Und sie müssen es tun, weil es ohne dies weder in Deutschland noch in Europa sozialen Fortschritt, humanistische Kultur, Bewahrung unserer natürlichen Lebensgrundlagen, sowie erst recht keinen Frieden geben wird. Auch aller Wahlkampf sollte dafür genutzt werden.

Hans Stahl

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