Das Leben hat was

Irmtraud Gutschke – Gisela Steieckert

Wer kennt sie nicht, Gisela Steineckert, Schöpferin unzähliger Lieder und Gedichte. Ihr Name ist eng verbunden mit der Singebewegung, woraus der Oktoberklub hervorging. Sie schrieb bekannten Künstlern wie Dirk Michaelis oder Dean Reed die unvergessenen Hits „Als ich fortging“ – „Eine Liebe, die bleibt“. Allein für Jürgen Walter entstanden über 400 Lieder, das bekannteste, „Clown sein“, gehörte zu den beliebtesten Chansons der DDR. Bis heute haben ihre „Erzählgedichte“ nicht an Aktualität verloren, weil sie berühren. Sie sprechen vom Alltag mit seinen Höhen und Tiefen: von Liebe, Sehnsucht, Ankommen, Fortgehen …
Wie alle Biographien aus der Reihe „Das Neue Berlin“ ist auch diese als Interview gestaltet. Im Gespräch mit Irmtraud Gutschke erzählt Gisela Steineckert aus einem schöpferischen und kämpferischen Leben. 1931 in Berlin geboren, erlebte sie Faschismus und Krieg mit den offenen Augen eines außergewöhnlichen Kindes. Gewalt im Elternhaus sowie Faschismus und Krieg hinterließen in ihr tiefe Spuren und auch Wunden, die eine weniger starke Frau hätten brechen können. Schon früh erkannte Gisela Steineckert, daß sie ihr Leben nicht einem blinden Schicksal überlassen muß und entwickelte sich zu einer selbstbewußten, willensstarken und einfühlsamen Persönlichkeit, mit Lebenserfahrung und Menschenkenntnis, wurde Lyrikerin und engagierte Bürgerin der DDR. Ihren künstlerischen und menschlichen Qualitäten brachte man hohe Wertschätzung entgegen. Kein Wunder, daß sie nicht nur Lieder, Gedichte und Hörspiele schrieb, sondern auch verantwortungsvolle Aufgaben übernahm, beispielsweise als Mitglied im Bezirksvorstand des Schriftstellerverbandes oder als Präsidentin im Komitee für Unterhaltungskunst. Mit dem Anschluß der DDR an die BRD zog sich die alte Kämpferin nicht resigniert aus dem öffentlichen Leben zurück, sie blieb sich selbst treu und wurde Vorsitzende im Demokratischen Frauenbund. Schnell erkannte sie, was die Frauen mit der DDR verloren hatten. Es galt, um die erworbene Gleichberechtigung zu kämpfen. Bei aller Kritik an den Unzulänglichkeiten des realen Sozialismus, die im Gespräch mit „rückhaltloser Ehrlichkeit“ zur Sprache kommt, steht Gisela Steineckert hinter dem Land, das ihr Zuhause war, denn „ich kam ganz von unten und habe die Chance gekriegt, als Weib arbeiten, verwirklichen zu dürfen, was in mir angelegt war. Dafür werde ich immer dankbar sein.“
Das Buch ist in sieben Abschnitte eingeteilt. Jeder Lebensphase ist ein wesentlicher Gedanke und ein Gedicht vorangestellt. Eine Gestaltung, die dem Leser Zeit zum Innehalten und Nachdenken gibt. Einen großen Raum nehmen in der Biographie die Gespräche über die Deutsche Demokratische Republik ein. In ihrer Beurteilung sind die beiden Frauen nicht immer einer Meinung. Das Erleben von Faschismus und Krieg, „das macht andere Vergangenheiten, verhindert auch Zufriedenheiten …“, so die ältere Gisela Steineckert. Sind das die einzigen Gründe, die zu den unterschiedlichen Einschätzungen der DDR geführt haben? „In Gutschkes Gespräch scheint des öfteren die klare Unterscheidung zu verschwimmen: Welche der Schwächen und Mißstände vermeidbar – also schuldhaft bedingt – und welche wirtschaftlichen oder konfrontativen Zwängen zuzuschreiben waren, denen die DDR ausgesetzt war und schließlich unterlag.“ Dennoch, die genannten Schwächen können die reichen Schätze des Buches nicht aufwiegen.
Aus den Gesprächen wird deutlich, wie stark sich Privates und Politisches bedingen. Im Buch werden viele Lebensthemen berührt. Dazu gehören gesellschaftliche Probleme, Arbeitsalltag, Erfolg und Scheitern,  „Abstriche und Gewinne im Alter“ – Beziehungen, Frau-sein, Familie und die wahre Liebe, der sie noch nach ihrem vierzigsten Lebensjahr begegnen durfte. Der Leser wird mit in den schöpferischen Prozeß des Schreibens einbezogen. Das Dichten, Verdichten von Wirklichkeiten des Lebens, bedeutet für die Künstlerin niemals „pure Selbstentäußerung“. Steineckert hat sich nicht auf Lorbeeren ausgeruht, oder aufgehört, an sich zu arbeiten. Das Geheimnis ihrer Kreativität heißt, das Leben in der Veränderung zu begreifen und sich darauf einzulassen.

Ulla Ermen

Irmtraud Gutschke – Gisela Steineckert
Das Leben hat was
Verlag Das Neue Berlin 2013
220 Seiten – gebundene Ausgabe 17,50 EURO

Steineckert

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