Der Aufstand der Arbeiter in Mansfeld und Leuna im März 1921

Nachdem sich im Dezember 1920 in Berlin die Linken in der USPD mit der KPD zu einer Partei vereinigt hatten, vollzogen auch die Parteiorganisationen im preußischen Regierungsbezirk Halle-Merseburg diesen Schritt. Die VKPD erreichte in dieser bedeutenden Industrieregion etwa 30.000 Mitglieder. Bei den Wahlen zum preußischen Landtag im Februar 1921 erhielt sie 29,8 Prozent der Stimmen. Im Kreis Mansfeld bekam die Partei 33.374 Stimmen, die SPD 9.889 und im Kreis Merseburg 16.513, die SPD 5.088.

Dieser Linksentwicklung musste nach Ansicht des Oberpräsidenten der preußischen Provinz Sachsen, des Sozialdemokraten Otto Hörsing, ein Riegel vorgeschoben werden. In Abstimmung mit dem preußischen Innenminister Carl Severing (SPD) berief man eine Konferenz nach Merseburg ein, an der Landräte, Polizeioffiziere, Unternehmer und Gutsbesitzer teilnahmen. Sie beschlossen, im Regierungsbezirk eine Polizeiaktion durchzuführen, um „die Staatsautorität“ wiederherzustellen. Mit anderen Worten: Die Kommunisten sollten zurückgedrängt, die Arbeiter eingeschüchtert und diszipliniert werden.

Am 19. März rückten drei schwer bewaffnete Polizeihundertschaften in Eisleben, zwei weitere in Hettstedt ein. Innenminister Severing hatte uneingeschränkten Schießbefehl erteilt. Offiziell gab man bekannt, es sollten Felddiebstähle und Sachbeschädigungen unterbunden werden. Die KPD-Bezirksleitung rief die Bevölkerung auf, Ruhe zu bewahren und sich nicht provozieren zu lassen. Doch als am nächsten Tag weitere Polizeieinheiten in das Gebiet einrückten, kam es zu spontanen Demonstrationen und Streiks, an denen sich nicht nur Industriearbeiter, sondern auch Landarbeiter und Angestellte beteiligten. Mehr als 150.000 legten die Arbeit nieder. Die Situation eskalierte, als am 22. März Polizisten auf eine Versammlung im Volkshaus Eisleben einprügelten, einen Teilnehmer erschossen und viele andere verletzten.

Das ließen sich die Arbeiter nicht gefallen. In Wolfenroda und Wimmelburg bildeten sich erste bewaffnete Gruppen, die gegen Eisleben vorrückten, um die Polizei zu vertreiben. Dann weiteten sich die Kämpfe aus. In Hettstedt, Helfta, Teutschenthal und anderen Orten im Mansfeldischen, dann auch in Sangerhausen, Sandersdorf, Holzweißig und Bitterfeld formierten sich Arbeiterwehren. Den Polizeitruppen waren sie jedoch weit unterlegen, zumal diese ständig Verstärkung erhielten. Am 25. März gingen 39 Hundertschaften mit Feldhaubitzen und Minenwerfern der Reichswehr gegen die proletarischen Kämpfer vor. Der sozialdemokratische Reichspräsident Ebert verhängte den Ausnahmezustand über die Provinz Sachsen und sanktionierte damit staatlich angeordneten Mord und Folter.

Am 21. März erreichte die Nachricht von den Kämpfen im Mansfeld-Gebiet die Leuna-Werke südlich von Merseburg. Tausende Betriebsangehörige versammelten sich zu einer spontanen Protestkundgebung. Sie drohten mit Streik, falls die Polizeiaktion auf ihren Betrieb ausgeweitet würde und sie bildeten einen Aktionsausschuss zur Vorbereitung von Abwehrmaßnahmen. Nachdem die Lage im Gebiet Mansfeld-Eisleben eskalierte, legten zwei Tage später 20.000 Beschäftige der Chemiewerke die Arbeit nieder und formierten bewaffnete Abwehrgruppen. Inzwischen waren 21 Polizeihundertschaften herangerückt, die das Betriebsgelände einschlossen und Artillerie in Stellung brachten. Im Unterschied dazu verfügten die Leuna-Arbeiter nur über etwa 300 Gewehre und Pistolen, ein paar selbst gefertigte Handgranaten und vier auf einen Panzerzug montierte Maschinengewehre.

Angesichts dieses Kräfteverhältnisses wollten die Arbeiterfunktionäre auf Widerstand verzichten. Doch die SPD-Bezirksregierung, die Polizeiführung und die Werkdirektion lehnten eine friedliche Lösung ab. Sie gaben in den frühen Morgenstunden des 29. März den Befehl zum Sturmangriff mit Artillerieunterstützung. Die Arbeiter unterlagen trotz tapferer Gegenwehr der Übermacht. Inzwischen hatten auch die Kämpfe westlich von Halle ein Ende gefunden.

Die Rache der Sieger kannte weder Menschlichkeit noch Grenzen. Besonders in Leuna tobten sie ihre Mordlust aus. 145 Arbeiter fielen ihrem Wüten zum Opfer. Sie wurden erschlagen, hingerichtet oder „auf der Flucht“ erschossen. Mit Sicherheit lag die Zahl der Ermordeten noch höher, denn viele erlagen erst später ihren Verletzungen. Sondergerichte verurteilten 3.352 Arbeiter. Davon fünf zu lebenslangem Zuchthaus, 451 zu mehrjährigen Zuchthausstrafen, 48 zu Festungshaft, 2.752 zu Gefängnis- und 96 zu hohen Geldstrafen.

Die SPD stellte sich uneingeschränkt hinter die Mordaktion im Regierungsbezirk Halle-Merseburg. Ihre Zeitung „Volksstimme“ schrieb am 1. April 1721; „Die Maßnahmen des Genossen Hörsing waren unzweifelhaft richtig. Wenn also jetzt gesagt werden kann, die Kommunisten sind als Partei erledigt, so ist das in erster Linie der Haltung unserer Partei und dem Weitblick des Genossen Hörsing zu verdanken.“

 

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Leuna-Kämpfer Albert Hermann Rahn, Bad Klosterlausnitz/Thür., 30. Januar 1898 – 27. Oktober 1978 Beruf: Schlosser erinnert sich:

„Am dritten Osterfeiertag, früh 7:00 Uhr, setzte ein regelrechtes Sperrfeuer durch Artillerie und Minenwerfer gegen uns ein. Wir lagen noch in den Matratzen, als es hieß, der Gegner ist in das Werk eingebrochen. Er kam mit einer Stärke und Bewaffnung, die unsere Verteidigung aussichtslos machte. Dass wir verraten worden sind, beweist die Tatsache, dass der Feind ganz genau wusste, wo die Kampfkompanie lag. So wurden wir überrumpelt und abgeführt. Eine gute halbe Stunde mussten wir mit erhobenen Händen gehen. Auf dem Weg mussten wir ‚Deutschland, Deutschland über alles‘ und ‚Oh, Deutschland hoch in Ehren‘ singen. Wehe, wer nicht laut genug sang, der bekam Kolbenstöße. Auf diesem Wege mussten wir mit ansehen, wie diese Vandalen Arbeiter, die sie mit der Waffe antrafen, erschossen. Zuerst wurden wir auf ein freies Feld gebracht und in zwei Gliedern mit zwei Meter Abstand nach Waffen untersucht. Zwei Mann hatten noch Patronen einstecken. Da nahm so ein vertierter Oberwachtmeister eine starke Lederpeitsche und schlug auf die Unglücklichen so lange ein, bis sie nicht mehr schnaufen konnten. Damit nicht genug. Diese zwei Genossen mussten sich auf Befehl dieser Bestie gegenseitig abwechselnd über das Gesicht schlagen. Wenn die Schläge nicht kräftig genug ausfi elen, dann machte er es vor, wie zugeschlagen wird. Als das vorbei war, ging es in das berüchtigte Silo, wo wir 14 Tage lang auf nacktem Betonboden liegen mussten. Ungefähr 1.000 gefangene revolutionäre Arbeiter wurden von den Hörsingbanden in dem großen Silo zusammengetrieben. Weitere 1.000 Arbeiter wurden aus der Umgebung herbeigeschleppt und in das Silo geworfen. 14 Tage lang war das Silo eine Schreckenskammer. Die 2.000 Gefangenen wurden die ersten Tage überhaupt nicht, später nur unzureichend verpfl egt. Es gab nur 160 Essgeschirre. Austreten war erst verboten, später mit Spießrutenlaufen zum Gaudium der Wachmannschaften verbunden. Die Gefangenen waren Freiwild. Sie standen außerhalb von Gesetz und Ordnung. Wer Sipo-Uniform trug, war Herr über Leben und Tod der gequälten Arbeiter.“

 

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„In Eisleben fand gestern [25. März] ein Sturm auf das Rathaus statt. Der Angriff wurde zurückgeschlagen. Die Verluste der Aufständischen betragen über 20 Tote, viele Verwundete und viele Gefangene. Eigene Verluste: 2 Tote und 3 Verwundete. Erbeutet sind 6 schwere Maschinengewehre, 3 Kisten Dynamit und 30 Gewehre. Die Villa des Generaldirektors Heinhold von der Schieferbautreibenden Gewerkschaft wurde in die Luft gesprengt, ebenso wurde versucht, das Wohnhaus des dirigierenden Arztes des Krankenhauses anzuzünden. In Eisleben ist jeder Verkehr, auch der Radfahrerverkehr, nach 7 Uhr abends gesperrt. Eine Stadtverordnetenversammlung mit dem einzigen Punkt der Tagesordnung: „Zurückziehung der Polizeitruppen und Protest gegen die Belegung der Schulen mit Polizeitruppen“ wurde verboten.“ (Bericht, Preußische Staatskommissar)

Günter Freyer

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