Der Geist von Rapallo

Das kleine italienische Städtchen Rapallo liegt an der malerischen Riviera di Levante und zählt heute etwas über 30.000 Einwohner. Bekannt und berühmt wurde die Stadt nicht nur als Badeort mit seinem besonderem Flair, sondern auch durch einen nach ihr benannten Vertrag, der hier im April 1922 zwischen dem Deutschen Reich und der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik geschlossen wurde.

Am 10. April 1922 begann in der italienischen Hafenstadt Genua eine internationale Wirtschaftskonferenz mit Teilnehmern aus 28 europäischen Staaten sowie japanischen Vertretern. Im imposanten Palazzo San Giorgio sollte der Einladung nach über die wirtschaftlichen Probleme Europas beraten werden. Zum ersten Mal seit der russischen Oktoberrevolution ist auch eine offizielle sowjetische Delegation zu einem internationalen Treffen eingeladen.

Die Siegermächte des Weltkrieges verfolgten gegenüber Sowjetrussland das von Winston Churchill formulierte Anliegen, das „Baby schon in der Wiege zu erdrosseln“. Alles sollte getan werden, den Ausbruch eines so großen Landes aus dem kapitalistischen Weltgefüge rückgängig zu machen.

Die deutschen Gesandten waren mit großen Erwartungen nach Genua gereist. Sie wollten über die im Versailler Vertrag fixierten Reparationsleistungen für den verlorenen Ersten Weltkrieg reden. Doch insbesondere der französische Ministerpräsident Raymond Poincaré sträubte sich hartnäckig gegen Kompromisse in dieser für das Wiedererstarken des deutschen Großkapitals so wichtigen Frage. Der deutsche Reichskanzler Joseph Wirth und sein Außenminister Walter Rathenau gerieten zunehmend unter Druck; sie brauchten unbedingt den Erfolg auf internationalem Parkett.

Der überraschende Vertragsschluss mit Sowjetrussland findet schließlich am Rande der Konferenz in dem im benachbarten Badeort Santa Margherita Ligure gelegenen Hotel Imperiale, in dem die russische Delegation der Konferenz von Genua wohnt, statt. In der Nacht zum 15. auf den 16. April verständigen sich der deutsche Diplomat Adolf Georg Otto von Maltzahn und der Leiter der sowjetischen Delegation, Georgi Tschitscherin, auf ein Bündnis.

Am nächsten Tag wird der Vertrag von Rapallo offiziell vom deutschen Außenminister Walther Rathenau und seinem russischen Amtskollegen Georgi Tschitscherin unterzeichnet. Das Abkommen normalisierte die Beziehungen der beiden Staaten, die mit ihm ihre internationale Isolation durchbrechen wollten, und sollte die Verhandlungsposition Deutschlands gegenüber den Westmächten stärken. Mit dem imperialistischen Deutschland, dessen Schuld am Ausbruch des Ersten Weltkriegs der Frieden von Versailles konstatiert hatte, und dem sozialistischen Russland schlossen sich de facto zwei – aus freilich ganz unterschiedlichen Gründen – Geächtete der damaligen internationalen Politik zusammen.

Der Vertrag hatte hauptsächlich den Inhalt, dass Deutschland und Sowjetrussland ihre in Folge des Ersten Weltkriegs und der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution unterbrochenen diplomatischen und wirtschaftlichen Beziehungen nach dem Prinzip der Meistbegünstigung wieder aufnahmen. Letzteres war für das deutsche Großkapital ein eminent wichtiger Punkt, da seine Waren von den ehemaligen Kriegsgegnern in Westeuropa weitgehend boykottiert wurden. Des Weiteren verzichteten beide Staaten auf Reparationen für Kriegsschäden, das Deutsche Reich zudem auf Entschädigungen für im Zuge der Revolution verstaatlichten ehemals deutschen Besitz.

Im Umfeld des Vertrags wurde die Lieferung von Industrieanlagen an Sowjetrussland vereinbart, durch die es die Ölfelder von Baku ohne Unterstützung anderer westlicher Firmen betreiben konnte. Zudem verpflichtete sich Deutschland, Lageranlagen und Tankstellen zur Vermarktung sowjetischer Ölprodukte einzurichten. Auf diese Weise plante das deutsche Großkapital, seine Abhängigkeit von britischen und amerikanischen Ölkartellen zu mindern, die den Markt beherrschten. In der nachfolgenden sogenannten Rapallo-Dekade von 1922 bis 1932 war Deutschland der wichtigste Handelspartner Russlands. Mehr als ein Fünftel aller sowjetischen Exporte gingen nach Deutschland. Am Osthandel waren insbesondere solche Konzerne wie Siemens und AEG, die Gutehoffnungshütte, MAN, die Reederei Blohm & Voss interessiert.

Für Sowjetrussland war der Vertragsabschluss ein großer diplomatischer Erfolg. Damit wurde die Regierung der Bolschewiki zum ersten Mal offiziell diplomatisch anerkannt. Später, am 5. November 1922, wurde die Gültigkeit des Vertrages auch auf die anderen Sowjetrepubliken ausgedehnt.

Auf der Konferenz von Genua schlägt die Nachricht vom deutsch-sowjetischen Abkommen wie eine Bombe ein: Die Westmächte, vor allem Frankreich und Großbritannien, fühlen sich durch das Bündnis der beiden übergangen und sehen ihre strategischen Interessen in Gefahr. Der britische Premier Lloyd George tobt, die französische Delegation packt ihre Koffer. Die Konferenz steht auf Messers Schneide. Die allgemeine Empörung legt sich erst, als bekannt wird, dass der Vertrag entgegen schwelender Gerüchte keine Geheimklauseln enthält.

Die Westmächte standen dem Vertrag feindlich gegenüber, weil er die beiden beteiligten Staaten stärkte, die diplomatische Isolation des revolutionären Russlands aufbrach und die politische und wirtschaftliche Abhängigkeit Deutschlands von den Westmächten verringerte. Zwei Tage nach Abschluss des Vertrags protestierten sie auf diplomatischem Weg und am 01. Mai 1922 erhob der juristische Beirat der alliierten Mächte in Paris Einspruch gegen den deutsch- russischen Vertrag von Rapallo: Er sei eine Verletzung des Versailler Vertrages. Es wurde unverhohlen gemutmaßt, die beiden Staaten planten eine erneute Aufteilung Polens, das im Vertrag von Versailles als Staat wiedergegründet worden war. Diese Vermutung war nicht völlig unbegründet: die Reichswehr unter General Hans von Seeckt plante seinerzeit tatsächlich eine Revision der Ostgrenze. Ein direkter Zusammenhang mit dem Rapallo-Vertrag ließ sich jedoch nicht belegen.

Die deutsche Öffentlichkeit reagierte auf den Vertragsabschluss überaus positiv. Der Reichstag billigte den Vertrag mit überwältigender Mehrheit. Dennoch fand er keine ungeteilte Zustimmung: Bei Reichspräsident Ebert, der rechten SPD-Führung undvor allembei nationalistischen und rechtsextremen Kreisen stieß er auf heftige Ablehnung. Rathenau wurde von letzteren öffentlich als kommunistenhörig und als Bolschewist beschimpft. Er bezahlt das Abkommen letztlich mit seinem Leben: Am 24. Juni 1922, knapp acht Wochen nach der Unterzeichnung in Rapallo, wird er auf der Fahrt zu seinem Dienstsitz von Mitgliedern der rechten Terrororganisation Consul erschossen.

Wilhelm Pieck bringt in „Die Rote Fahne“ vom 21. April 1922 die Klassenposition der KPD zum Ausdruck: „Wenn heute die deutsche Bourgeoisie in Genua mit Sowjetrussland ein Bündnis schloss, so nicht aus Freundschaft, sondern aus zwingender Notwendigkeit unter den Fußtritten der Entente. Die deutsche Arbeiterschaft muss alles tun, um diesem papiernen Vertrag Leben zu geben. Es gilt, in den Gewerkschaften und Betrieben dahin zu wirken, dass Russland wirkliche wirtschaftliche Hilfe gebracht wird.“

Bis heute spricht man bisweilen vom „Rapallo-Komplex“, wenn man das Misstrauen meint, das in den führenden Ländern des Kapitals entsteht, sobald Deutschland sich vermeintlich zu sehr auf Russland zubewegt. Dieser Komplex spielte beispielsweise im Zusammenhang mit der Ostpolitik der BRD unter Willy Brandt nach 1970 eine große Rolle und wurde zuletzt beschworen, als man der Regierung Schröder eine Achse „Paris-Berlin-Moskau“ unterstellte, obwohl beide Vorgänge ihrem Wesen nach völlig anders geartet waren.

Wer heute nach Rapallo kommt, kann sich an Ort und Stelle ein Bild von den Ereignissen vor über 90 Jahren machen. Das Hotelmanagement hat den Raum in dem die Unterzeichnung des Vertrags stattfand, zur Besichtigung gut erhalten; Kopien des Vertrages hängen an den Wänden aus, zahlreiche Details und Zusammenhänge werden aufgezeigt. Zu den Kuriosa gehört übrigens auch, dass sich die deutsche Delegation nach Eintreffen der letzten sowjetischen Vorschläge in der Nacht vor der Vertragsunterzeichnung zu einer legendär gewordenen „Pyjamakonferenz“ traf, um sich vor Vertragsschluss noch einmal abzustimmen. Ein Besuch lohnt sich auf jeden Fall

M.F.

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