Die Lüge über den 17. Juni

Teil 1

Interview mit Erich Buchholz

In diesem Jahr jähren sich die Ereignisse des 17. Junis 1953 zum 60. mal. Die Herrschenden dieser Republik werden jede Zeitungszeile und jede Sendeminute nutzen, um dies zur Diskreditierung der DDR zu nutzen. Dem wollen wir die Sicht eines Zeitzeugen entgegensetzen. Rechtsanwalt Erich Buchholz, geboren 1927, wollen wir in drei Teilen befragen, wie es zu diesen Ereignissen kam und wie er sie erlebte. Im ersten Teil geht es um seine persönliche Entwicklung bis in die Jahre nach dem Krieg.


RB: An welche Ereignisse der turbulenten Dreißiger kannst Du dich noch erinnern?

Erich Buchholz: Wenige Wochen nach meinem sechsten Geburtstag riefen Leute in Berlin-Moabit, wo wir damals wohnten: „Der Reichstag brennt!“ Wir rannten auf die Straße und schauten in die Richtung des Reichstagsgebäudes. Wir sahen tiefschwarzen Qualm über der Kuppel des Reichstags empor steigen. Der ganze Himmel über dem Reichstag war tiefschwarz. In demselben Augenblick sagte mein Vater: „Das waren die Nazis!“

Am nächsten Tage verbreiteten die Nazis die Lüge, Kommunisten hätten den Reichstag angezündet! Später fand vor dem Reichsgericht in Leipzig der Reichstagsbrandprozess gegen Dimitroff und andere statt. Mein Vater erzählte mir von einem antifaschistischen Gegenprozess in Paris, wo die Lüge der Nazis entlarvt wurde.

RB: Wie war dann Deine Schulzeit?

E.B.: Wenige Wochen nach dem Reichtagsbrand berichtete mir mein Vater, dass die Weltliche Schule, an der er mich Ostern zum Schulbesuch angemeldet hatte, von den Nazis geschlossen worden war. Weltliche Schulen waren eine Errungenschaft der deutschen Arbeiterbewegung, besonders der Freidenker. Sie hatten ihren Niederschlag in der Weimarer Verfassung gefunden. Das freie Denken der Freidenker war aber den Nazis ein besonderer Dorn im Auge.

Die Schließung dieser Schule war der erste Anschlag der Nazis auf meine Schulbildung. Den Rest besorgte dann ihr Krieg. Daher war meine Schulbildung so verkürzt, dass mein Vater meinte: „Bei dieser mangelhaften Schulbildung kannst du nur Jura studieren!“

RB: Offensichtlich bist Du diesem Rat gefolgt?

E.B.: Nach der Befreiung vom Hitler-Faschismus machte ich mich mit Feuereifer an das juristische Studium. Einige Wochen später bekam ich die Mitteilung, meine Zulassung sei ein „Versehen“; ich müsste erst mein Abitur nachholen! Später, 1948, konnte ich dann doch mit dem Studium beginnen.

RB: Welche Stimmung herrschte dort nach dem Krieg?

E.B.: Dort bekam ich mit, dass unter den Studenten zahlreiche ehemalige Offiziere der Naziwehrmacht waren. Das waren dann diejenigen, die nach der Spaltung Berlins 1949 in Dahlem unter der irreführenden Bezeichnung „Freie Universität“ eine antikommunistische Gegen-Universität aufgemacht hatten.

Bis zu Beginn der fünfziger Jahre hatten wir die alten Professoren als Lehrer, die bereits in der Nazizeit gelehrt hatten. Auch das Dekanat befand sich, wie mir später deutlich wurde, in der Hand jener alten Professoren. Da wurde mir klar, weil ich im Zusammenhang mit meiner Bewerbung die Bodenreform begrüßt hatte, wurde ich zunächst nicht zum Studium zugelassen.

RB: Wie hast Du dann die Zeit bis zum Studium überbrückt?

E.B.: Da ich immer wieder nicht zugelassen wurde, meldete mich mein Vater – mit 20 Jahren war ich damals noch nicht volljährig! – beim Finanzamt zur Ausbildung als Dienstanwärter an. Meine Ausbildung absolvierte ich in einer Station in meinem Wohnbezirk Tiergarten.

In dieser Zeit wurde von den USA, unterstützt von den anderen beiden westlichen Alliierten, die separate Währungsreform in Westdeutschland und West-Berlin durchgeführt. Das war die Spaltung Deutschlands!

RB: Und wie hast Du diese Währungsreform erlebt?

E.B.: Ich war zum Geldumtausch eingesetzt. Mir wurde ein Platz in einem notdürftig hergerichteten Schalter in einer Turnhalle zugewiesen. Dann kam das „neue Geld“. Es sah so fremdartig aus, wie Dollars! Dann nahm ich die Geldbündel in die Hand und las auf ihnen das Druckdatum „17. Nov. 1947“.

Es schoss mir durch den Kopf. Diese separate Währungsreform wurde also nicht nur hinter dem Rücken des vierten Alliierten, der Sowjetunion, durchgeführt, sondern war lange Zeit vorher vorbereitet worden. Ich rechnete und schätzte, die Vorbereitung einer solchen Aktion muss in der ersten Hälfte 1947 begonnen haben. Später erfuhr ich, dass die ganze Spaltung Deutschlands seitens der USA bereits seit 1946 festes Programm war.

RB: Hast Du die Ausbildung beendet?

E.B: Einige Zeit später wurde mir fristlos gekündigt! Worin bestand meine Verfehlung? Ich hatte nichts Böses getan! Es stellte sich heraus: ich hatte einen politischen Text, der im Bezirksamt von Hand zu Hand ging, nicht unterschrieben. Ich wollte meine dienstliche Tätigkeit nicht mit Politik vermischen. Weil ich also nicht in das Horn der westlichen Propaganda jener Zeit blies, wurde ich „rausgeschmissen“. Das war eine weitere Lektion über die Meinungsfreiheit im Westen.

RB: Politische Bildung, wie sie das Leben schreibt! Aber nun war sicher „guter Rat teuer“?

E.B.: Inzwischen bekam ich doch eine Zulassung zum juristischen Studium zum Wintersemester 1948/49. Ich hatte die günstige Gelegenheit, in einem Studentenheim in Hohen-Neuendorf bei Berlin leben zu können.

Aber die politische Schule des Lebens ging weiter. Einige Zeit später, es ging wohl um den so genannten UGO-Putsch (Streikaktionen und Sabotageakte sog. Unabhängiger Gewerkschaften um die Bezahlung der Westberliner Reichsbahner mit „Westgeld“ Anm.d.R.), befand ich mich auf dem Heimweg mit der S-Bahn nach Hohen-Neuendorf. Auf dem Bahnhof Frohnau fuhr der Zug nicht weiter. Das war Folge jenes Streiks. Auf dem Bahnsteig befanden sich riesige Massen von Leuten, die offenbar keine Fahrgäste waren. Angehörige der ostdeutschen Transportpolizei veranlassten jene Personen, die sich grundlos auf dem Bahnhof befanden, das Bahngelände zu verlassen. Man muss nämlich wissen, dass das Reichsbahngelände in West-Berlin unter sowjetischer Verwaltung stand.

Gleichzeitig gaben Angehörige der Westberliner Stumm-Polizei von außerhalb des Bahngeländes scharfe Pistolenschüsse auf die Transportpolizei ab! Ich fragte mich: Ist das noch ein Ausläufer des Zweiten Weltkrieges oder bereits der Anfang des dritten?
Frank Novoce

wird fortgesetzt

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