Europa erfindet die Zigeuner Eine Geschichte von Faszination und Verachtung Von Klaus-Michael Bogdal

Klaus Michael Bogdal, geboren 1948, ist Professor für Germanistik an der Universität Bielefeld. Er hat mehrere Bücher veröffentlicht. Schon 1978 erregte der Autor die Gemüter der Fachgelehrten mit dem Werk „Schaurige Bilder. Der Arbeiter im Blick des Bürgers am Beispiel des Naturalismus“. Das Eigene und die Darstellung des Fremden ist auch Thema seines 2011 herausgegebenen Bandes „Europa erfindet die Zigeuner“, das einer Geschichte von Abgrenzung, Fremdbestimmung und Verachtung nachgeht. Noch heute ist in Deutschland der abwertende Name Zigeuner üblich. Er stammt vermutlich aus dem byzantinischen Wort atingani – die Unberührten. Darunter versteht man die unterste Schicht der indischen Gesellschaft. Sinti (Deutschland) und Roma sind Selbstbezeichnungen. Rom heißt auf Romanes: Mensch. Der  Autor verwendet meist die Bezeichnungen „Romvölker und Romgruppen“, weil sie seiner Meinung nach die umfassendsten möglichen Bezeichnungen sind. Schließlich leben sie seit mehr als fünfhundert Jahren über ganz Europa zerstreut in kleinen „Völkern“ ohne Land.

Das Buch „zeichnet die Geschichte der Darstellungen der Zigeuner in der europäischen Literatur und Kunst vom Spätmittelalter bis heute nach.“ Über die Kultur der Romvölker war nur sehr wenig in Erfahrung zu bringen, weil deren Lebensweisen lange auf mündlich überlieferten Traditionen beruhten. Statt dessen gibt es viele schriftliche Zeugnisse, die von außen über sie berichten, neben Chroniken, Gerichtsdokumenten und ethnographischen Arbeiten sind das vor allem literarische Texte. Man erfährt hier mehr über die Verfasser, ihre Vorstellungen, Ängste und Abwehrmechanismen als über das Leben der Romvölker. Selbst die Romantiker, die von dem „Zigeunerleben“ fasziniert waren, benutzten sie nur als Material für die damals beliebten Schauerromane. Die „Zigeuner“ paßten in ihr Bild von Freiheit und Abenteuer. Mit der Vagabundenliteratur Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts beginnen Annäherungen an die „Zigeuner“. Die proletarisch revolutionären Arbeiterschriftsteller, die „Solidarität als eine Stärke der Schwachen“ verstanden, betrachteten sie als gleichwertige Menschen. Beispielhaft für diese Haltung steht das Jugendbuch „Ede und Unku“ von Alex Wedding (Grete Weiskopf). Die ersten schriftlichen Selbstzeugnisse entstanden nach 1945. Es sind ergreifende autobiographische Texte und fiktive Darstellungen von großer poetischer Kraft.

Die europäische Geschichte der Romvölker beginnt mit den Chroniken. Zu Beginn des 15. Jahrhunderts berichteten sie mehrfach über noch nie gesehene unbekannte Fremde, seltsame schwarze Menschen, die an den Toren der Städte um Einlaß baten. Ihre nebulöse Herkunft gab Anlaß zu Phantasien und märchenhaften Schilderungen über ihre Abstammung. Das änderte sich mit der Entdeckung der „Zigeunersprache, für die sich später der Begriff Romanes durchsetzte“. Gegen Endes des 18. Jahrhunderts entdeckten Sprachwissenschaftler ihre nahe Verwandschaft mit dem altindischen Sanskrit. Leider führte dieses Wissen nur bei ganz wenigen Vertretern der „aufgeklärten“ Wissenschaftler zu einem veränderten Blick auf die „Zigeuner“.

Bogdal geht den Ursachen nach für den jahrhundertelangen abgrundtiefen Haß. Lange Zeit hielten die Europäer „Zigeuner“ für Vorboten der gefürchteten Tartaren. Ihre andersartige Erscheinung und Lebensweise war eine Herausforderung für die „ständische und bodenständige Gesellschaft“ – eine Gegenkultur, die Machtstrukturen in Frage stellte und gleichzeitig für eine überwundene Stufe der menschlichen Entwicklung gehalten wurde. Es gab immer wieder Versuche, die „Zigeuner“ zu einzugliedern. Sie scheiterten, weil sie als Zwangsmaßnahmen nur einem Ziel dienten, der Auslöschung ihrer Kultur. Gute Ansätze gab es in den sozialistischen Staaten. Der Autor entdeckt erschreckende Gemeinsamkeiten in „der Wahrnehmung, Identitätszuschreibung, Aufnahme und Ausgrenzung“ zwischen den europäischen Nationen. Eine traurige Bilanz.

Die Geschichte der europäischen „Zigeuner“ ist eine Geschichte von Verachtung, Ausgrenzung und Verfolgung, die in den Vernichtungslagern der Faschisten ihren Höhepunkt fand. Das Buch gibt Zeugnis von dem „zerstörerischen Potential“ der europäischen „Kulturgesellschaften“. Klaus-Michael Bogdal hat ein Buch über die Geschichte geschrieben, „die fortschreitet, ohne Fortschritte hervorzubringen“, über die Geschichte „vom Gerücht bis zur akademischen Wissenschaft“ – ein soziologisches, psychologisches und literarisches Meisterwerk! Es ist das erste Buch über die Romvölker aus gesamteuropäischer Sicht. Wer hat was aus der Geschichte gelernt, wenn sich in Deutschland inzwischen alte und neue Faschisten mit staatlicher Unterstützung die Hände reichen dürfen? Als mit dem Ende des Sozialismus in Europa wieder Tausende Roma zur Flucht gezwungen wurden, „wendete sich der deutsche Innenminister gegen die sogenannte Armutswanderung aus dem Osten und meinte die Roma“.

Das vorliegende Werk erhielt zu Recht den Leipziger Buchpreis zur europäischen Verständigung 2013!

 

Ulla Ermen

 

 

Klaus-Michael Bogdal

Europa erfindet die Zigeuner

Eine Geschichte von Faszination und Verachtung

Suhrkamp Verlag Berlin 2011

590 Seiten – Ausgabe geb.: 24,90 EURO

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