Gedenkkultur!? Gedenkpolitik!

Das Potsdamer Gebäude Lindenstraße 54 hat eine wechselvolle Geschichte. Wohnhaus für den Stadtkommandanten, Kleiderkammer, Tagungsort für die Stadtverordnetenversammlung und ab 1820 Gerichtsgebäude und Gefängnis. 1935 wurde hier das Potsdamer Erbgesundheitsgericht eingerichtet. Ab 1939 war hier auch ein Untersuchungsgefängnis für politische Gefangene. Nach 1945 nutzten es der sowjetische NKWD und ab 1953 das Ministerium für Staatssicherheit der DDR als Untersuchungsgefängnis. Nach 1990 befand sich hier das Potsdamer Haus der Demokratie.

1995 wurde das Gebäude zur Mahn- und Gedenkstätte erklärt. Für den letzten Teil der Geschichte wurden schnell Ausstellungen und Führungen organisiert. Anfangs zum Potsdam Museum gehörend, wurde 2013 durch die Stadt beschlossen, die Gedenkstätte durch eine eigene Stiftung zu betreiben.

Das letzte „Modul“ der Ausstellung, die Zeit von 1933 bis 1945, wurde nun am 12. September eröffnet. Die Arbeitsgemeinschaft Bund der „Euthanasie“-Geschädigten und Zwangssterilisierten, die Bundesvereinigung Opfer der NS-Militärjustiz und die Vereinigung der Verfolgten des NS-Regimes Bund der Antifaschisten (VVN BdA) „sind weder um ein Grußwort gebeten noch eingeladen“ worden. Auf Anfrage der Fraktion Die Andere, antwortete die Stadtverwaltung: Es sei „üblich, Ausstellungen mit Beiträgen der Vertreter der Institutionen zu gestalten, die an der Erarbeitung und Finanzierung der Ausstellung beteiligt waren … Leider war es dem letzten uns bekannten lebenden Opfer aus der NS-Zeit der Gedenkstätte nicht möglich, an diesem Abend an der Eröffnung dabei sein zu können“.

Später erklärte die Stadtverwaltung, dass alle eingeladen wurden. Unerklärlich ist nur, warum die Betroffenen keine Einladung erhalten haben.

Die Opferverbände übten ebenfalls Kritik an der Erarbeitung des Moduls. Der Vorsitzende der Bundesvereinigung Opfer der NS-Militärjustiz, Ludwig Baumann, kritisierte das Prozedere und die Kommunikation der Gedenkstätte mit den NS-Opferverbänden. Baumann erklärte, der Verband sei nicht in die Erarbeitung der Dauerausstellung einbezogen worden, Ausstellungstexte seien mit der Vereinigung nicht vorab abgestimmt worden. Die Gedenkstättenleitung hingegen sprach in ihrer Reaktion von einem „regen schriftlichen Gedankenaustausch“: „Von der Geschäftsstelle der Bundesvereinigung zur Verfügung gestelltes Material wurde ausgewertet und floss in die Erarbeitung der Ausstellungstafeln mit ein. Die Ausstellungstexte wurden von den Gedenkstättenmitarbeitern unter der wissenschaftlichen Leitung des Zentrums für Zeithistorische Forschung erstellt. Eine Abstimmung der Texte war auf Grund der vorhandenen Expertise und des einvernehmlichen Verhältnisses unserer Ansicht nach nicht erforderlich“ und „zudem auch nicht üblich“.

Ähnliche Kritik kam auch vom VVN/BdA Brandenburg. Er mahnt dazu einen gesonderten Gedenkort für die Opfer des Faschismus. Es sei nicht hinnehmbar, dass pauschal aller Opfer der Lindenstraße gedacht wird. Denn die schließt quasi die Täter von 1933 bis 1945 mit ein.

Mitte Oktober tagte der Brandenburger Museumsverband. Das Thema der Tagung lautete: „Entnazifizierte Zone? – Zum Umgang mit der Zeit des Nationalsozialismus in ostdeutschen Stadt- und Regionalmuseen“. Dem ist im Wesentlichen nicht viel hnzuzufügen.

Frank Novoce

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