Geschichtskommentar des Monats

Wer ehrlich mit unserer schweren Niederlage umgeht, sollte Friedrich Engels‘ „Revolution und Konterrevolution in Deutschland“, geschrieben 1851, zur Hand nehmen. Dort heißt es: „… wenn man aber nach den Ursachen der Erfolge der Konterrevolution forscht, erhält man von allen Seiten die bequeme Antwort, Herr X oder Bürger Y habe die Revolution ‚verraten‘. Diese Antwort mag zutreffen oder nicht, je nach den Umständen, aber unter keinerlei Umständen erklärt sie auch nur das Geringste, ja sie macht nicht einmal verständlich, wie es kam, dass das ‚Volk‘ sich derart verraten ließ.“ (MEW, Band 8, Seite 6)

Es ist nicht widerspruchslos hinzunehmen, wenn gelegentlich der Eindruck erweckt wird, die Konterrevolution sei allein das Ergebnis bundesdeutscher Interventionen gewesen. Es ist unbestreitbar, dass von jener Seite alles Erdenkliche getan worden ist, um die DDR zu unterminieren. Das umfassend aufzudecken, ist verdienstvoll. Doch etwas anderes vom westdeutschen Kapital zu erwarten, war und ist pure Traumtänzerei.

Lassen wir einige Schritte Revue passieren: Die Entwaffnung der Arbeiterklasse der DDR, speziell der Kampfgruppen; die Zerschlagung der Betriebsparteiorganisationen der SED, des Rückgrats der Partei; die Gründung der „Treuhandanstalt“, was nichts anderes bedeutete, als das in Jahrzehnten von den Bürgern unseres Landes erarbeitete Volkseigentum für ‚herrenlos‘ zu erklären. Da jedoch Eigentum nie lange ohne Herren bleibt, fanden sich sofort neue Eigner, aus dem Westen natürlich. All das diente allein den Interessen des BRD-Kapitals. Aber vollzogen haben diese ersten verheerenden Schritte nicht Abgesandte der Kohl-Regierung. Und als dann überall Autos mit den Aufklebern „Nie wieder Sozialismus“ herumfuhren, wo blieb da die Gegenlosung: „Nie wieder Kapitalismus“?

Zur Wahrheit gehört: Es fanden sich zahlreiche willige Vollstrecker, die im vorauseilenden Gehorsam Schmutzarbeit leisteten. Das ist eine schmerzliche Erkenntnis, aber sie gehört unverzichtbar zur Bilanz, die nach 20 Jahren zu ziehen ist. An dieser Schande werden wir lange zu tragen haben, denn hier liegt eine der Ursachen dafür, dass viele junge Menschen, die den Kapitalismus durchaus als ein menschenunwürdiges System begreifen, dennoch den Sozialismus der DDR sehr skeptisch beurteilen. Hierbei hilft es, noch einmal bei Friedrich Engels auf die Lehren der Revolution und Konterrevolution von 1848/49 zu verweisen: „… als Wrangel … an die Tore Berlins pochte, … fand (er) die Tore offen und auf den Straßen als einziges Hindernis friedliche Bürger, die sich köstlich über den Streich belustigten, den sie Wrangel dadurch gespielt, dass sie sich, an Händen und Füßen gebunden, den erstaunten Soldaten auslieferten.“ (Ebenda, Seite 77).

Prof. Dr. Götz Dieckmann

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