Kleingeister

Um die Mittagszeit gibt es im Radio den „rbb-Hörerstreit“. Ein Streit ist es eigentlich nicht. Anrufer sagen zu einem vorgegebenen Thema ihre Meinung. In der Sendung kommen nicht allzu viele zu Wort. Aber es wird der Eindruck vermittelt, man werde im Radio gehört und die eigene Meinung wabert durch den Äther. Das alles ist eher ein Gesellschaftsspiel für Wilmersdorfer Witwen, denn für dynamische und flexible Arbeitnehmer. Angeregt durch den Bundesminister für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (CSU), dem die Engelhardt-Plastiken von Karl Marx und Friedrich Engels in Berlins Mitte zu groß erscheinen, wurden neulich Hörerinnen und Hörer zum Streit aufgefordert, wie denn nun Berlins Mitte aussehen sollte. Als wenn ausgerechnet Marx und Engels Berlins Mitte darstellten und nicht völlig klar wäre, wie Berlins Mitte ohne Palast der Republik und mit einem Schlossnachneubau aussehen wird, sollten Vertreter des Hörervolks ihre Meinung sagen. Ziel – und Sinnlosigkeit des Schwatzens veranlassten eine andere Senderwahl. Dennoch bewegte die Frage, warum sich dieser Minister vor der Größe von Marx und Engels fürchtet. Er ist doch eigentlich der Minister des Gigantismus. Er mischt mit bei dem Unternehmen Die Bahn, das vorn nicht funktioniert und hinten gleich gar nicht mehr. Er bringt die Gigaliner auf die Pisten – was der Betonkrebs an neu gebauten Autobahnen nicht zerfrisst, das sollen die Riesen-LKW zerschreddern. Am Prestigebau Berliner Schloss werkelt er wahrscheinlich mit und am piefig miefigen Potsdamer vermutlich ebenfalls und vielleicht auch an der Garnisonkirche (obwohl, als bayerischer Patriot?). Auf jeden Fall ist sein Ministerium beim Großflugplatz Schönefeld involviert, einem ebenfalls gigantischen Bauwerk, wo um die Flugrouten gefeilscht wird, wo ungarische Bauarbeiter nicht bezahlt, wo Anwohner mit Lärmschutzmaßnahmen verulkt werden und der Knast für Asylbewerber gleich mit entsteht. Und dieser Bayer fürs Große empfindet die beiden sympathischen Plastiken zu groß? Nein! Verbannen will er sie. Dass ihnen die bessere Luft in Friedrichsfelde gut bekäme, steht außer Frage genau so, wie die christlich soziale Bilderstürmerei bar jeden Geschichtverständnisses. Woher soll Sinn für Geschichte kommen? Worum es eigentlich geht, sagte der „Experte“ Dr. Hubertus Knabe: „Berlin-Besucher fragen sich zu recht, wieso Deutschland noch Urväter der SED-Diktatur ehrt.“ Was der Minister so unverschämt nicht sagte, plapperte der Hofnarr daher. Gegen Dummsinn gibt es kein Kraut, denkt sich    Till

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