Kommunismus (Teil II)

Wir erlebten zwar rund sieben Jahrzehnte Sowjetmacht und vier Jahrzehnte zahlreiche Staaten mit sozialistischer Gesellschaftsorientierung. Eine kommunistische Gesellschaft gab es jedoch bisher nie und nirgends. Diese Tatsache missbrauchen Demagogen als Beweis, dass Kommunismus praktisch unmöglich und höchstens eine Utopie sei. Absurd. Die Tatsache könnte höchstens als Zeichen dafür akzeptiert werden, dass sich Kommunismus nicht realisieren lässt, so lange sein „Aufbau“ durch Interventionskriege, Eroberungskriege und höchste Kriegsgefahr im Kalten Krieg mit starken imperialistischen Mächten durchkreuzt wird. Es gab nicht ein Jahrzehnt wirklich friedlichen Wettbewerbs zwischen jungen sozialistischen Gesellschaften und alten kapitalistischen Gesellschaften, die längst die mörderische Stufe imperialistischer Entwicklung erreicht hatten.

Es waren doch nicht allein die unglaublichen Zerstörungen, die in den Kriegen aller Art angerichtet wurden. Es waren auch nicht nur die unvorstellbaren Anstrengungen, die zum militärischen Schutz der zunächst fast sämtlich industriell unterentwickelten Länder gegen Aggression und Kriegsdrohung der imperialistischen Staaten unternommen werden mussten, die noch größere Fortschritte, als die tatsächlich erreichten, geradezu vereitelten. Noch folgenschwerer war das durch Krieg und Kriegsdrohung aufgezwungene Tempo nicht nur die Entwicklung der Industrie, sondern sämtlicher Gesellschaftsbereiche. Wenn auch Antikommunisten und „sozialistische“ Dummköpfe es bestreiten: Auch im Sozialismus und beim Aufbau des Kommunismus wirken sehr reale gesellschaftliche Gesetzmäßigkeiten. Und die beschränken sich keineswegs nur auf die Proportionen zwischen den verschiedenen Wirtschaftszweigen, sondern bestimmen Handlungserfordernisse für die ganze Produktionsweise, für die ganze Lebensweise. Da spielen Zeit und Tempo eine große Rolle. Eine neue Kultur will und muss wachsen – organisch und in Wechselwirkung mit dem Wachstum der Produktionsmittel der neuen Gesellschaft. Welch ein Anspruch an die Wissenschaft! Und welche Irrtümer! Es ist heute kaum zu bestreiten: Unter den Bedingungen der Kriegsdrohung der heißen und kalten Kriege musste sich auch bei sozialistischen Eigentumsverhältnissen der Klassenkampf verschärfen. Inzwischen hat die Praxis und die Realität ihr Urteil gefällt. Der Klassenkampf hatte sich sogar bis zur siegreichen Konterrevolution verschärft. Man „vergisst“ gerne, dass auch schäbiger Opportunismus Teil des Klassenkampfes ist, zersetzender Teil. Eine neue Gesellschaftsordnung hat ihren Sieg über die vorangegangene erst wirklich errungen, wenn sie eine höhere Arbeitsproduktivität, eine stärkere Wirtschafts- und Wissenschaftskraft erreicht hat. Es ist keine Frage moralischer Art, ob es unter den Bedingungen des 20. Jahrhunderts möglich war, das zu erreichen oder nicht.

Es ist auch wichtiger, die heutigen Realitäten endlich zu begreifen. Denn die Lage ist eine ganz andere als vor 50 Jahren, als wir gezwungen waren, „eine Mauer“ zu bauen, um den Einfluss des Kapitalismus auf unsere sozialistischen Vaterländer wenigstens zu begrenzen. Trotz unserer Niederlage in Europa kann sich die imperialistische Aggressivität nicht unbegrenzt global austoben. Die Bewegungen und Staaten, die für wirtschaftliche, soziale und politische Unabhängigkeit von den imperialistischen Mächten kämpfen, werden sichtbar stärker. Und mit der VR China ist eine kommunistisch geführte Großmacht auf den Plan getreten, die nicht nur zur zweitstärksten Wirtschaftsmacht der Erde aufstieg, sondern bereits spürbaren Einfluss auf die Weltwirtschaft ausübt. Wir haben die Pflicht, uns auf unsere Erfahrung zu besinnen: Grundlage richtiger kommunistischer Politik ist das reale Erkennen der gesellschaftlichen Kräfte, die tatsächlich die Antriebe und die Potenz haben, erfolgreich gegen den Imperialismus zu kämpfen. Weder Volkstümelei noch revolutionäre Phrasen sind kommunistische Art.

H. St.

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