Krieg als gewöhnlicher Job

Im Dezember weilte Stephanie zu Guttenberg unter unseren Frontsoldaten. Redakteure würdigten sie dafür als „mutigste deutsche Baronin“. Also eilte Angela Merkel wenige Tage später auch zu unseren Afghanistan-Helden, obgleich sie als Pfarrerstochter einen so edlen Titel schwerlich erwerben könnte. Baronin wie Kanzlerin wurden jeweils vom beliebtesten Politiker der Deutschen begleitet, von Herrn von und zu Guttenberg. Der ist von Hochadel, superreich und schnellte vom Finanz- zum Militärminister empor. Wo der Mann steht, ist vorne. Dahin lud er nun eine dritte bekannte Dame, die Pastorin Margot Käßmann ein. An ihrer Stelle will jedoch lieber ihr Nachfolger im Bischofsamt an die Front fliegen. Na, denn…

Ebenfalls im Dezember patrouillierte noch ein ganz anderes Kaliber im deutsch-kontrollierten Gebiet Afghanistans: US-General Petraeus, ISAF-Oberbefehlshaber. Der lobte die deutschen Soldaten: Erstmals nach dem Zweiten Weltkrieg würden sie wieder „eine beeindruckende Aufstandsbekämpfung“ demonstrieren. Nicht so unverblümt hatte sich Frau Merkel zum Krieg in Afghanistan geäußert. Der „ist für uns eine völlig neue Erfahrung. Wir haben das sonst von unseren Eltern gehört im Zweiten Weltkrieg.“ Das sei jedoch eine andere Situation gewesen, weil „Deutschland damals der Angreifer gewesen“ sei. Will sie uns damit sagen, heute sind es die Aufständischen Afghanistans, die Deutschland angegriffen haben? Schon die Sozialdemokraten und Grünen, die vor neun Jahren die deutsche Truppe dorthin befahlen, täuschten die Öffentlichkeit: „Deutschland wird am Hindukusch verteidigt“…

Seit neun Jahren versprechen uns nun deutsche Minister wenigstens einen Terroranschlag in Deutschland als Beweis für den „Angreifer“ Afghanistan. Allein in Berlin bewegten 2010 mehr als 500 sinnlos herumstehende Koffer deutsche Sicherheitskräfte zu Pressewirksamem Eingreifen. Doch der Aggressor hat nicht einmal einen Koffer in Berlin. Selbst in seinem Heimatgebiet verfügt er weder über Drohnen, Raketen, Kampfflugzeuge oder Panzer noch über anderes effektives, modernes Kriegsgerät. Womit könnte der, um Himmelswillen, Deutschland oder gar die ganze NATO nennenswert bedrohen? Sind wir etwa nochmals einer widerlichen Kriegslüge aufgesessen – wie im nun wieder zitierten Zweiten Weltkrieg? …

Für die nächsten neun Jahre strukturieren die Mächtigen der Bundesrepublik jedenfalls eine Wehrmacht, die für Vaterlandsverteidigung absolut ungeeignet ist. Umso besser jedoch für Aufstandsbekämpfung in anderen, meist fernen Ländern! Wehrpflichtige könnten da nach Sinn und Zweck fragen, für wen sie ihr Leben einsetzen sollen. Also werden ab 1. März keine Wehrpflichtigen eingezogen. An ihre Stelle treten 15.000 Freiwillige. Dazu kommen 170.000 Zeit- und Berufssoldaten, deren Job ohnehin das ehrbare Kriegshandwerk ist. Dafür ist die Propagandaente „Einsparungen“ lahm. Erstens brauchen Profikrieger höhere Vergütung und viel mehr Vergünstigungen als Vaterlandsverteidiger. Zweitens erhält ihre „Feuerkraft“ eine neue (teurere) Qualität. Drittens bezahlen die neuen Ansprüche an die Rüstungsunternehmen nicht etwa die Unternehmer aus lauter Patriotismus aus ihren Taschen. Die wollen daraus wie üblich auch noch ihren Profit ziehen. Eindeutig: alles was auf diesem lebensgefährlichen Gebiet derzeitig ideologisch und praktisch gemanagt wird, richtet sich auf Kampfeinsätze in anderen Ländern, vielleicht gar im Inneren der BRD, wenn die Hülle der rein repräsentativen Demokratie fällt. Und niemand soll sagen können, er habe das nicht gewusst …

Längst ist Deutschland von einer neuen Schande überschattet: Alle bisherigen BRD-Regierungsparteien sind inzwischen zu Kriegsparteien geworden. Andererseits gibt es noch Parteien, denen die Kriege missfallen. Doch keine einzige deutsche politische Partei stellt den Kampf gegen den imperialistischen Krieg ins Zentrum ihres politischen Wirkens, macht ihn zur Hauptaufgabe ihrer Mitglieder und Anhänger und konzentriert ihre Kraft damit gegen die konkrete Ursache der wiederholten deutschen Misere. Nach zwei Weltkriegen und langen Jahrzehnten des Kalten Krieges handelt es sich dabei um eine unverzeihliche Unterlassung. Wenn das funktionsfähig ist, was BRD, NATO und EU gerade jetzt strukturieren, kommt eine Korrektur zu spät. Ist das nach all unseren Erfahrungen wirklich so schwer zu begreifen?

Hans Stahl

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