Mutiges Ringen um die Arbeitermacht in der Provinz Brandenburg 1918/19

Den Sturz der kaiserlichen Regierung in Deutschland wollten die revolutionären Arbeiter der Industrieorte Hennigsdorf, Spandau und Velten nutzen, um eine wirkliche Arbeitermacht zu entwickeln. Ausgangspunkt war die Machtübernahme der Hennigsdorfer und Veltener Betriebe durch einen zentralen Arbeiterrat, der sich aus Vertretern aller Fabriken in beiden Orten zusammensetzte.

Ähnlich wie bei der Firma Schwarzkopf und in anderen Berliner Großbetrieben erkämpften sich die Hennigsdorfer AEG-Werktätigen weitgehende Kontrollrechte in der Mitbestimmung bei der Betriebsführung. Einstellungen und Entlassungen durften nur mit Zustimmung des Betriebsrates vorgenommen werden.

Aber schon auf einer der ersten Betriebsversammlungen wurde auch die geschickte Taktik der SPD-Führung sichtbar. Ein Gewerkschaftsführer namens Köhler forderte die Arbeiter und Angestellten auf, zu arbeiten, was die Knochen ergeben, da ja nun die Betriebe den Arbeitern gehören. Wer dieser Argumentation folgte, und in Hennigsdorf waren das nicht wenige Arbeiter, stand den Forderungen der Spartakusgruppe zur Weiterführung der Revolution skeptisch gegenüber, dennoch wurde ein kommunaler Arbeiterrat in Hennigsdorf gebildet. Am 9. November 1918 wurde in Velten auf einer Versammlung, die von ca. 1000 Einwohnern, besucht war, ein provisorischer Arbeiter- und Soldatenrat gebildet. Einen Tag später wurde der Rat auf einer Einwohnerversammlung offiziell gewählt. Die bürgerliche „Veltener Zeitung“ wurde zum Publikationsorgan des Arbeiter- und Soldatenrates bestimmt. Aber ebenso wie im Nachbarkreis Niederbanirm, wo am 17. November 1918 129 Delegierte aus 67 Orten auf einer Kreiskonferenz der Arbeiter- und Soldatenräte forderten, die Landräte zu ersetzen und an die Stelle der Gemeindevertretungen örtliche Arbeiter- und Soldatenräte treten zu lassen, blieben auch in Velten die Beschlüsse des kommunalen Rates weitgehend auf dem Papier stehen. So änderte sich der reaktionäre Charakter der „Veltener Zeitung“ keineswegs. Das Blatt bedauerte den unrühmlichen Abgang des Kaisers, anstatt die revolutionären Ereignisse in Velten, Bötzow, Hennigsdorf und Marwitz gebührend zu würdigen.

Das Verharren in der bürgerlichen Demokratie, die mangelnde Bereitschaft, die errungene Macht auszuüben, zu erweitern und zu festigen, war typisch für Deutschland. Bereits am 6. Dezember 1918 zeigten Vertreter des sorgsam erhaltenen kaiserlichen Staatsapparates wie sie die ihnen gewährte Demokratie zu nutzen gedachten. Sie organisierten am 6. Dezember des Jahres einen Putsch gegen die Arbeiter- und Soldatenräte in Berlin und Umgebung. Eine Welle der Empörung, insbesondere über den Mord an 14 Demonstranten in der Berliner Chausseestr., erfasste die Berliner Großbetriebe, deren Belegschaften am 7. Dezember 1918 die Arbeit niederlegten. Auch die Arbeiter und Angestellten der AEG-Hennigsdorf beteiligten sich geschlossen an dem eintägigen Proteststreik. Folgende an den Rat der Volksbeauftragten gerichtete Resolution beweist den Zorn der Werktätigen. „Endunterzeichnete erlauben sich, nachfolgende Resolution zur Kenntnis zu bringen: 10 000 im Wald bei Schulzendorf versammelte Arbeiter und Angestellte der AEG-Werke Hennigsdorf protestieren durch ihre einmütige Arbeitsniederlegung gegen das am Freitag dem 6. Dezember angerichtete Blutvergießen unter friedlichen Demonstranten. Die Versammelten verlangen, dass in Zukunft keine bewaffneten Truppen oder Sicherheitsmannschaften Demonstranten entgegengestellt werden, da ein solches Vorgehen dem Geist der Revolution nicht entspricht. Wir fordern die Brüder im Waffenrock auf, sich niemals und von keiner Seite zu derartigen Handlungen hinreißen zu lassen. Die Versammelten bringen zum Ausdruck, dass mit dieser Demonstration keiner politischen Partei Unterstützung gewährt werden soll. Die Arbeiter- und Angestelltenräte und -Ausschüsse der AEG-Hennigsdorf. Im Auftrage: Heinrich Weber“

Der Kurzstreik beweist eindeutig, dass es in der Berliner und Brandenburger Arbeiterschaft starke Kräfte gab, die sich dem Wüten einer konterrevolutionären missbrauchten Soldateska entgegenzusteuern, bereit waren. Der Revolutionsverlauf zeigt aber auch, dass die Machtfrage falsch eingeschätzt wurde, dass die Werktätigen den SPD und USPD Führern ihr Vertrauen entgegenbrachten, das bewusst missbraucht wurde.

Der Spartakusgruppe in der AEG-Hennigsdorf war es nicht gelungen, bestimmenden Einfluss auf das Geschehen in Bezug auf das Wirken des Arbeiterrates zu gewinnen. Der Versuch der Spartakusgruppen in Hennigsdorf und Velten innerhalb der USPD zu wirken, um diese Partei in eine marxistische Kampfpartei umzugestalten, hatte sich als untauglich erwiesen. Die leitenden Funktionäre der USPD verzichteten, wie die SPD-Führung, auf die Weiterführung der Revolution im Land. Im Ergebnis dieser Erkenntnis entschlossen sich die Spartakusmitglieder in Reinickendorf, Tegel und Wittenau sowie in Hennigsdorf und Velten, sich unmittelbar nach der Gründung der KPD sich als KPD-Unterbezirk Reinickendorf zu konstituieren. In Hennigsdorf und Velten wurden Ortsgruppen der KPD gegründet. Maßgeblichen Anteil daran hatten Gustav Gersinski in Velten und Paul Schreier in Hennigsdorf. Er kannte Karl Liebknecht persönlich, der entscheidenden Anteil an seiner politischen Entwicklung hatte.

Mit den Berliner Januarkämpfen 1919 stand die junge KPD vor einer Aufgabe, die sie noch nicht bewältigen konnte. Bei der Verteidigung des Vorwärtsgebäudes in Berlin leisteten neben anderen Revolutionären auch Hennigsdorfer Kommunisten erbitterten Widerstand gegen die konterrevolutionären Truppen. So hat Hilde Steinbrink sich am Maschinengewehr unerschrocken eingesetzt Sie schuf ein Beispiel für die Kampfbereitschaft der proletarischen Frauen im Sinne von Clara Zetkin und Rosa Luxemburg.

Aus dem Industrieort hatte sich nur eine Minderheit an den Januarkämpfen von 1919 beteiligt. Die Kämpfer hatten sich dennoch die Achtung und Solidarität eines Teils der Arbeiter erworben. Davon zeugt die Resolution des Arbeiterrates der AEG-Henigsdorf vom 18. Februar 1919, in welcher der Mord an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht verurteilt und die Bestrafung ihrer Mörder gefordert wurde: „Mit immer tiefer gehender Entrüstung verfolgt die hiesige Arbeiterschaft die jüngsten politischen Ereignisse. Sie verurteilt aufs schärfste die provozierende Haltung des Militärs und der militärischen Führer, insbesondere das Vorgehen des Obersten Reinhard in der Untersuchung gegen Radek. Sie fordern die Regierung auf, endlich die Untersuchung gegen die Mörder des Genossen Liebknecht und der Genossin Luxemburg zu führen.“

Dr. Günter Wehner

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