Produktivkraftentwicklung und Arbeiterklasse

Referat auf der Theoretischen Konferenz vom  21.02.2015, Hannover

Nina Hager, stellvertretende Parteivorsitzende

Im Leitantrag des Parteivorstandes steht am Anfang zur Kennzeichnung der gegenwärtigen Situation unter anderem der Absatz:
„Wir erleben zugleich rasante Entwicklungen der Produktivkräfte (PK), die neue Veränderungen in der Klassen- und Sozialstruktur zur Folge haben. Dies und die Krisenfolgen haben enorme Auswirkungen auf die Bewusstseinsentwicklung der Arbeiterklasse, ihre Organisations- und Kampfkraft. Der Grundwiderspruch zwischen Lohnarbeit und Kapital verschärft sich weiter.“

Leider wird der erste Satz: „Wir erleben zugleich rasante Entwicklungen der Produktivkräfte …“ dann im Weiteren nicht ausgeführt. Im Positionspapier von Uwe und anderen steht etwas mehr über die Auswirkungen auf die Arbeits- und Lebensbedingungen durch Entwicklungen wie „Industrie 4.0“, die sich „nicht nur in der Bundesrepublik Deutschland“ vollziehen, „sondern in Europa und weltweit“.

Mir scheint es aber dringend nötig, dass wir unsere Aussagen zur aktuellen PK-Entwicklung in der Parteidiskussion weiter vertiefen:
In Vorarbeit auf das DKP-Programm von 1978 – stärker vielleicht noch vor dem Hamburger Parteitag und den Beschlüssen 1986 – wurde in unserer Partei viel Wert darauf gelegt, politische Entscheidungen wissenschaftlich vorzubereiten. Fragen der PK-Entwicklung spielten dabei eine große Rolle. Auch um die erreichte Entwicklungsstufe des monopolistischen bzw. staatsmonopolistischen Kapitalismus adäquat erfassen zu können und Gegenstrategien zu entwickeln.

Wenn ihr euch unser Parteiprogramm von 2006 anschaut, dann werdet ihr feststellen, dass auch dort bei der Kennzeichnung der Entwicklungen im Kapitalismus die der PK eine entscheidende Rolle spielt. Damals konnten wir uns schon lange nicht mehr auf Forschungseinrichtungen wie das IMFS in Frankfurt am Main stützen, auch nicht mehr auf die Arbeiten von marxistischen Philosophen, Ökonomen usw. aus der DDR.

Künftig müssen wir meines Erachtens trotzdem einen Weg finden, um wieder stärker unseren Blick auf die Entwicklung der Produktivkräfte unter den heutigen Bedingungen und die Folgen für die Gesellschaft insgesamt zu richten. Doch das betrifft nicht nur aktuelle Handlungsentscheidungen wie im vorliegenden Antrag des PV, sondern auch wesentliche politisch-strategische Fragen für unsere kommunistische Partei.

Eine marxistische Analyse des Standes und der heute vorhersehbaren Entwicklung von Technik und Technologie auf allen Gebieten des gesellschaftlichen Lebens, vor allem aber der Produktivkraftentwicklung, wäre nicht nur von hohem theoretischem Wert, sondern hätte m. E. auch große politisch-praktische Bedeutung.

Nötig ist die Analyse auch, weil es nicht nur erforderlich ist über die weitere Gesellschaftsentwicklungen auf der Grundlage der fortgeschrittenen Produktivkräfte und die Folgen zu diskutieren, sondern dabei auch über möglichen Bruchpunkte mit dem kapitalistischen System und über Bündnispartner der Arbeiterklasse im Kampf.

Ich will (und ich bin nicht Ökonomin, sondern komme aus der Philosophie) in meinen folgenden Ausführungen auf drei Aspekte verweisen. In der Kürze der mir zur Verfügung stehenden Zeit kann ich dazu leider nicht ausführlicher argumentieren:

Der erste Aspekt, auf den ich hier verweisen will, betrifft theoretische Grundlagen des Marxismus, an die zu erinnern wäre.
Das ist zunächst

(a) die wesentliche Erkenntnis von Karl Marx und Friedrich Engels, dass die Entwicklung der Produktivkräfte der Menschen grundsätzlich in ihrer ganzen bisherigen Geschichte die Basis und die Triebkräfte des Geschichtsprozesses bildet.

Das war der entscheidende Ansatz für eine dialektisch-materialistische Sicht und für die Analyse der Entwicklung der menschlichen Gesellschaft von ihren Anfängen bis in die heutige Zeit und speziell auch für die Entstehung sowie die Entwicklung von Klassen und den Klassenkampf.
Karl Marx verwies Ende 1846 im Brief an Annenkow darauf, dass die Entwicklung der Produktivkräfte der Menschen die „Basis ihrer ganzen Geschichte“ ist. Schon zuvor hatten er und Friedrich Engels in der „Deutschen Ideologie“ unter anderem die Entwicklung der PK als Triebkraft der geschichtlichen Dynamik des gesellschaftlichen Lebensprozesses bezeichnet.

Dabei verstand er unter Produktivkräften im umfassenden Sinne zunächst und vor allem alle erworbenen Kräfte, Fähigkeiten des Menschen selbst, einschließlich seine Anlagen zur Vorausplanung und seine konstruktiven Begabungen. Diese umfassen zudem die durch ihn benutzten Naturkräfte und -stoffe in unbehandelter wie auch in bearbeiteter Form als Werkzeuge, als Maschinen, Steuerungs- oder Meßgeräte und umfassende technische Systeme. Zu den Produktivkräften gehören Technologien, die Leitung und Organisation der Produktion und die Wissenschaft.
Ohne die industrielle Revolution, die vor allem auf der Revolution der Produktivkräfte beruhte, hätte sich der Kapitalismus gegenüber dem Feudalismus nicht durchsetzen können. Auf einer gewissen Stufe der Entwicklung der Produktions- und Verkehrsmittel entsprachen „… die feudalen Eigentumsverhältnisse“ nicht mehr „den schon entwickelten Produktivkräften“. „Sie hemmten die Produktion statt sie zu fördern. Sie mussten gesprengt werden, sie wurden gesprengt.“ Zur zunehmenden Entfaltung kam die kapitalistische Gesellschaft durch die Herausbildung und Entwicklung des kapitalistischen Fabriksystems. Die Teilung und Effektivität der Arbeit vervollkommnete und beschleunigte sich durch den Einsatz von Maschinen und einer neuen revolutionären Antriebstechnologie, die mit der Erfindung und Weiterentwicklung der Dampfmaschine möglich wurde.

Verbunden war dies mit der Veränderung der Produktionsverhältnisse, die einer bestimmten Entwicklungsstufe ihrer materiellen Produktivkräfte entsprachen. Produktivkräfte und die Produktionsverhältnisse bestimmen in ihrer Einheit den Charakter der jeweiligen Produktionsweise.
Die ökonomische Struktur der Gesellschaft bestimmt und bedingt die grundlegenden Klassen- und Ausbeutungsverhältnisse. Es entstand infolge der damaligen Entwicklung einerseits ein neuer sozialer Typus des Produzenten, die Arbeiterklasse, das moderne Proletariat, und andererseits entstand eine neue Gruppe von Besitzenden und Reichen, die Klasse der Kapitalisten, die Bourgeoisie – und damit der bis heute grundlegende Widerspruch zwischen „Kapital“ und „Arbeit“.

Die Untersuchung der kapitalistischen Gesellschaft im 19. Jahrhundert zeigte, dass mit der Entwicklung der Produktivkräfte, der Entstehung der großen Industrie usw., durch den wachsenden Einfluss der Arbeiterorganisationen usf. sich die Arbeiterklasse auch selbst veränderte (Größe, unterschiedlicher Bildungsgrad, soziale Differenzierung, Spaltungslinien, politisches Bewusstsein) und sich die Anforderungen an ihre Organisation und Mobilisierung in den Klassenkämpfen jener Zeit veränderten.

Karl Marx und Friedrich Engels arbeiteten zugleich
(b) heraus, was in diesem Zusammenhang das Neue ist in Hinblick auf die Prouktivkraftentwicklung und was die kapitalistische Gesellschaft bestimmt.

Diese unterscheidet sich von allen vorhergehenden Gesellschaftsformationen, die durch ein relativ langsames Wachstum der Produktivkräfte geprägt waren, dadurch, dass – wie Marx und Engels bereits im “Manifest der kommunistischen Partei” feststellten – die Bourgeoisie nicht existieren kann, „ohne die Produktionsinstrumente, also die Produktionsverhältnisse, also sämtliche gesellschaftlichen Verhältnisse fortwährend zu revolutionieren… Die fortwährende Umwälzung der Produktion, die ununterbrochene Erschütterung aller gesellschaftlichen Zustände, die ewige Unsicherheit und Bewegung zeichnet die Bourgeoisieepoche vor allen anderen aus… Das Bedürfnis nach einem stets ausgedehnteren Absatz für ihre Produkte jagt die Bourgeoisie über die ganze Erdkugel …
Die Bourgeoisie hat durch ihre Exploitation des Weltmarktes die Produktion und Konsumtion aller Länder kosmopolitisch gestaltet… Sie zwingt alle Nationen, die Produktionsweise der Bourgeoisie sich anzueignen, wenn sie nicht zugrunde gehen wollen; sie zwingt sie, die sogenannte Zivilisation bei sich selbst einzuführen… Mit einem Wort, sie schafft sich eine Welt nach ihrem eigenen Bilde.”

Das ist eine Erkenntnis, die sich nicht nur im 19. Jahrhundert als richtig erwies: Ende des 19. / Anfang des 20. Jahrhunderts dominierte eindeutig der städtische Kapitalismus und mit ihm das Fabriksystem, waren nicht nur neue Industriezweige wie die chemische Großindustrie und die Elektroindustrie entstanden und Großbetriebe mit vielen tausenden Beschäftigten, sondern auch neue Formen des Transports: Erste elektrische Schienenfahrzeuge gab es seit den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts, jedoch erst in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts wurden sie zu Massentransportmitteln. Neue Formen der Kommunikation wie Telegrafie und Telefonie oder die Kinematografie entstanden …
Massenproduktion auch von Konsumgütern am Band wurde möglich.

Der zweite Aspekt betrifft die Einschätzung der aktuellen Entwicklungen der Produktivkräfte und die sich auf dieser Grundlage vor sich gehenden gesellschaftlichen Veränderungen.

Etwa in der Mitte der 50er Jahre des vergangenen Jahrhunderts setzte eine Entwicklung ein, die Voraussetzung für die heute möglichen technisch-technologischen Veränderungen schuf: Die wissenschaftlich-technische Revolution.

Sie betraf Umbrüche in den Informations- und Kommunikationstechnologien, die Automatisierung und Roboterisierung von Produktionsprozessen. In wichtigen Industriezweigen kam es zu entscheidenden Veränderungen in der organischen Zusammensetzung des Kapitals: Der Anteil der lebendigen Arbeit im unmittelbaren Produktionsprozess sank dramatisch, dafür erhöhte sich der Anteil von F/E, produktionsvorbereitender und unterstützender Arbeiten, so vor allem der Kontrolle und des technischen Supports. Andere Leistungen, darunter auch wichtige für die Reproduktion der Arbeitskraft wurden zumehmend „outgesourct“.

Die sich vollziehenden Veränderungen betrafen aber auch neue Entwicklungen im Werkstoffbereich, die Entwicklung der Nanotechnologie sowie Umbrüche im Genetic Engeneering. Voraussetzungen für die Revolutionierung des Transportwesens entstanden ebenso, wie die wissenschaftliche und technologische Voraussetzungen für das „Outsourcing“ und Internationalisierung von Forschung und Entwicklung, Programmierung, Logistik, Produktion in den Strukturen der großen, weltweit agierenden Konzerne, für die rasche, weltweite Vernetzung der Produktionsprozesse, auch für die Steuerung der Finanzströme.

Dem folgte Anfang der 2000er Jahre – aber nur auf der bisherigen Grundlage möglich – die sogenannte digitale Revolution.

Etwa im Jahr 2002 konnten erstmals mehr Informationen digital als im Analogformat gespeichert werden. D. h. auf Rechnern, auf CD/DVD und anderen elektronischen Speichermedien konnten mehr Daten erfasst werden als in Akten und allen Bibliotheken der Welt. Die weltweite Telekommunikationskapazität war 1986 erst zu 20 Prozent, 1993 zu zwei Dritteln und im Jahr 2000 zu 98 Prozent digitalisiert.
Möglich wurden Erfolge in der Genom-Entschlüsselung, genauere Voraussagen der Klimaforschung, komplexe Modelle in Physik und Chemie usw.

Das Internet, Smartphones und Tablets, Social Media, Cloud-Computing, Big und Smart Data, Künstliche Intelligenz, etc. bestimmen seit nunmehr gut drei Jahrzehnten zunehmend unser Leben.

Das alles hatte gravierende Auswirkungen auf Arbeitsprozesse, auf Bildung und Kultur, auf das Leben der Menschen.
Der bekannte marxistische DDR-Wirtschaftshistoriker Jürgen Kuczynski sah vor 40 den Kapitalismus am Ende: Er fragte: „Kann die wissenschaftlich-technische Revolution unter den Produktionsverhältnissen des Kapitalismus durchgeführt werden?”
Und lapidar hat er dann angemerkt: „Die wissenschaftlich-technische Revolution wird unter dem staatsmonopolistischen Kapitalismus nicht durchgeführt und kann auch theoretisch“ kann sie „nicht durchgeführt werden.” Niemals werde die WTR „ein solches Ausmaß in der kapitalistischen Produktion erreichen können, dass man sagen kann: der Mensch steht neben dem Produktionsprozess, ist nur noch ihr Wächter und Regulator.”

Da hat sich JK aber gewaltig geirrt. Und auch noch vor 30 Jahren sah er das Ende des Kapitalismus voraus: Vieles führte in den vergangenen Jahrzehnten zu Erleichterungen im Arbeitsprozess und in anderen Lebensbereichen. Zudem könnten unter anderem Hunger, Elend, viele Krankheiten weltweit überwunden werden.

Doch trotz dieser Fortschritte wird immer deutlicher, dass unter den gegenwärtigen gesellschaftlichen Bedingungen der Widerspruch zwischen den bestehenden Möglichkeiten für die Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen, die sich aus der Entwicklung der Produktivkräfte ergeben, und dem realen Leben der Mehrheit der Menschen sich vertieft und zuspitzt.

Der Kapitalismus gelangte aber auch in den Jahren nach der Niederlage des Sozialismus und auch in der Zeit nach der Jahrtausendwende nicht an die Grenzen seiner ökonomischen Möglichkeiten – sehr wohl aber werden natürliche Grenzen absehbarer …

Wann aber erreicht unter den heutigen Bedingungen oder in den kommenden Jahrzehnten der Widerspruch zwischen Produktivkräften und den Eigentumsverhältnissen jenen von Marx und Engels theoretisch vorausgesagten Höhepunkt, wo die Fesseln gesprengt werden müssen und können? – Wann ist für dem Kapitalismus jene „gewisse Stufe” erreicht, wo nach eine Epoche „sozialer Revolution” eintritt?

Oder ist das Ergebnis der jetzigen Entwicklung die Barbarei?

Einige bürgerliche Ideologen sprechen jedoch heute bereits von einem Epochenumbruch – ähnlich der industriellen Revolution im 18./19. Jahrhundert. In der „Wirtschaftswoche“ hieß es am 1. November vergangenen Jahres in einem Beitrag jedenfalls:

„Nun bricht das zweite Maschinenzeitalter (mit dem ersten ist übrigens der Umbruch gemeint, der die Herausbildung der kapitalistischen Gesellschaft erst ermöglichte: die Industrielle Revolution im 18./19. Jahrhundert – N. H.). Computer und andere digitale Errungenschaften haben auf unsere geistigen Kräfte – die Fähigkeit, mithilfe unseres Gehirns unsere Umwelt zu verstehen und zu gestalten – die gleiche Wirkung wie die Dampfmaschine und ihre Ableger auf die Muskelkraft.
Sie ermöglichen uns, frühere Einschränkungen zu überwinden, und führen uns auf Neuland. Wie genau sich diese Umwälzung vollziehen wird, liegt noch im Dunklen, doch ob das neue Maschinenzeitalter die Kurve ebenso drastisch verformt wie Watts Dampfmaschine oder nicht, eine große Sache ist sie allemal.
Um es vorab schon auf den Punkt zu bringen: Die Geisteskraft ist für Fortschritt und Entwicklung – für unsere physische und intellektuelle Fähigkeit, mit uns und der Welt erfolgreich zurechtzukommen – mindestens ebenso wichtig wie die physische Kraft. Ein so kräftiger und ungekannter Impuls für die Geisteskraft sollte der Menschheit daher einen enormen Schub verleihen – genauso wie früher einmal ihr physisches Pendant.“

Und Jeremy Rifkin, Soziologe, Ökonom, Bestsellerautor aus den USA, behauptet gar, dass der Kapitalismus seinem Ende entgegen geht. Aus unserer industriell geprägten Gesellschaft erwachse dann eine globale, gemeinschaftlich orientierte Gesellschaft. In ihr sei Teilen mehr wert als Besitzen, sind Bürger über nationale Grenzen hinweg politisch aktiv und steht das Streben nach Lebensqualität über dem nach Reichtum.
Schön wäre es.

Der dritte Aspekt, auf den sich der Leitantrag des PV und etwas umfassender das Positionspapier von Uwe und anderen direkt beziehen, sind die konkreten Folgen gegenwärtiger und möglicher künftiger Produktivkraftentwicklungen auf die Arbeits- und Lebensbedingungen der Arbeiterklasse und die betrieblichen wie gewerkschaftlichen Kampfbedingungen. Darauf werde ich nur sehr kurz eingehen. Das kann mein Co-Referent viel konkreter und besser darstellen.

Das aktuelle Stichwort lautet „Industrie 4.0“.

Auf der Webseite des Bundesministeriums für Bildung und Forschung heißt es dazu: „Das Zukunftsprojekt Industrie 4.0 zielt darauf ab, die deutsche Industrie in die Lage zu versetzen, für die Zukunft der Produktion gerüstet zu sein.“ „Industrieproduktion wird gekennzeichnet sein durch starke Individualisierung der Produkte unter den Bedingungen einer hoch flexibilisierten (Großserien-) Produktion, die weitgehende Integration von Kunden und Geschäftspartnern in Geschäfts- und Wertschöpfungsprozesse und die Verkopplung von Produktion und hochwertige Dienstleitungen.“ Das ist der Werbeteil.

Welche Veränderungen werden sich vollziehen? Aus unserer Sicht entstehen weitere Differenzierungen und Spaltungslinien in der Arbeiterklasse: In der Qualifikation, in den Arbeitsbedingungen, in der Bezahlung. Arbeitszeiten, Arbeitsrhythmus und Bezahlung werden restlos an die Bedingungen des „Marktes“ angepasst.

Werner Eichhorst vom IZA, dem Institut zur Zukunft der Arbeit, nennt diese Entwicklung einen „Prozess der kreativen Zerstörung“: Berufsbilder verschwänden, neue kämen. Einfache Arbeiten, Routinearbeiten, bis hin zu Facharbeitertätigkeiten in der Industrie würden an Bedeutung verlieren, hochqualifizierte Arbeiten wichtiger werden – allerdings nicht mit einer entsprechenden Bezahlung oder gar tariflich geregelten Arbeitszeiten.

Völlige „Flexibilität“ ist angesagt, ständige Verfügbarkeit der Arbeitskräfte entsprechend der Nachfrage – möglichst mit hochqualifizierten, vielfältig einsetzbaren, unterbezahlten und ständig abrufbaren „Freelancern“, die wenn nötig, 24 Stunden am Tag und auch von zu Hause aus „einsetzbar“ sind.

Alle Errungenschaften, die sich die Arbeiterklasse seit dem 19. Jahrhundert erkämpft hat, würden wegfallen. Die Mehrheit der meist hoch qualifizierten „Freelancer“ erhalten keine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, keinen bezahlten Urlaub und schon gar kein Urlaubs- oder Weihnachtsgeld. Sie sind für ihre Renten-, Kranken-, Arbeitslosenversicherung selbst zuständig. Neben dieser Art neuer „Selbständigkeit“ sind weitere Formen der „Flexibilisierung“ vorgesehen. Daraus Schlussfolgerungen zu ziehen, wie die Gegenwehr unter diesen Bedingungen entwickelt und geführt werden kann, darüber – wie über die Bedeutung der PK-Entwicklung insgesamt für unsere theoretischen Überlegungen wie unsere praktische Politik – darüber sollten wir heute diskutieren und einen Weg finden, das in der Parteidebatte fortzusetzen.

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Vgl. K. Marx, Brief an Annenkow, MEW, Bd. 4
 Die deutsche Ideologie, MEW, Bd. 3. Siehe auch Karl Marx, Das Kapital. Band I. in: MEW Bd. 23, S.45 und 54
 K. Marx, F. Engels, Das Kommunistische Manifest. Siehe auch K. Marx, Kapital III, in: MEW Bd. 25, S. 260
 K. Marx; F. Engels: Manifest der kommunistischen Partei. In: MEW Bd. 4, S. 465
 Jürgen Kuczynski, Vier Revolutionen der Produktivkräfte. Theorien und Vergleiche. Mit kritischen
Bemerkungen und Ergänzungen von Wolfgang Jonas, Berlin 1975.
 Jürgen Kuczynski, Allgemeingesellschaftlich Überlegungen zur wissenschaftlich-technischen Revolution, in: Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte 1986/1
 Siehe Karl Marx: Kapital. Bd. I. S. 195
 Erik Brynjolfsson/ Andrew McAfee, Das zweite Maschinenzeitalter bricht an, in: Wortschaftswoche, 1.11.2014
 Siehe J. Riffkin, Die Null-Grenzkosten Gesellschaft : Das Internet der Dinge, kollaboratives Gemeingut und der Rückzug des Kapitalismus, Campus, Frankfurt/ New York 2014. Vgl. dazu zum Beispiel auch „Das Ende des Kapitalismus“ in der FAZ vom 13.9.2014. Der Autor des Beitrages fragt: “Der Ökonom Jeremy Rifkin liebt große Thesen, jetzt verkündet er den Niedergang des Kapitalismus und den Beginn einer sozialen Gemeinschaft. Das klingt nach einer naiven Utopie. Aber ist es überhaupt eine?“
 Zitiert nach: Werner Goldschmidt, Alle reden von der Digitalen Revolution – wir nicht? In: Z. – Zeitschrift für marxistische Erneuerung, Dezember 2014. Er fordert „dezidiert marxistische Analysen des Standes und der heute vorhersehbaren Entwicklung von Technik und Technologie (mit einem Schwerpunkt auf Computer und Computerwissenschaft im weitesten Sinne) auf allen Gebieten des gesellschaftlichen Lebens, vor allem aber der Produktivkraftentwicklung“ ein, die „nicht nur von theoretischem, sondern auch von hohem politisch-praktischem Interesse“ wären. „Dort aber klafft – von wenigen Ausnahmen abgesehen – zumindest hierzulande eine bemerkenswerte Lücke. Während an marxistischen Analysen des Finanzkapitalismus, der fmanzgetriebenen Akkumulation und der dadurch ausgelösten großen Wirtschaftskrise seit 2007ff. kein Mangel herrscht , beschränken sich die darauf fußenden Alternativentwürfe und sozialen Forderungen weitgehend auf Vorschläge zur Entmachtung der Banken, zur Regulierung der Finanzmärkte, zur progressiven Besteuerung von Einkommen, Vermögen und Erbschaften etc., deren sozialökonomische Bedeutung keineswegs geleugnet werden soll, die aber insgesamt kaum über die gegenwärtige Form der kapitalistischen Produktionsweise hinausweisen, ja sie, wie bei Piketty, sogar stabilisieren sollen.“
 http://www.bmbf.de/de/9072.php
  HYPERLINK “http://newsroom.iza.org/de/2014/08/29/zukunft-der-arbeit-kreative-zerstoerung/” Die Zukunft der Arbeit hält noch mehr kreative Zerstörung für uns bereit, Posted on 29/08/2014 by Werner Eichhorst, http://newsroom.iza.org/de/author/weichhorst/
 Vergleiche zum Beispiel: Industrie 4.0: Die neuen Formen der Ausbeutung – https://www.wsws.org/de/articles/2015/01/23/indu-j23.html, weiter: Thomas Hagenhofer, Das Internet zwischen Fortschrittspotentialen und Destruktivkraft, in: Marxistische Blätter, Heft 5 / 2014.
In einem soziologischen Arbeitspapier der TU Dortmund „Wandel von Produktionsarbeit – ‚Industrie 4.0’“ vom Januar 2014 heißt es u. a. : „Es ist davon auszugehen, dass sich je nach konkreten Anwendungsbedingungen, Systemfunktionen und betrieblichen Strukturbedingungen dazwischenliegende und divergierende Muster der Arbeitsorganisation einspielen werden.“ Und an anderer Stelle: „innerbetrieblichen Polarisierung von Aufgaben, Qualifikationen und Personaleinsatz beruht. Es finden sich in den Produktionssystemen einerseits eine vermutlich nur noch geringe Zahl einfacher Tätigkeiten mit geringem oder keinen Handlungsspielraum, die laufende standardisierte Überwachungs- und Kontrollaufgaben ausführen. Andererseits ist eine ausgeweitete oder auch neu entstandene Gruppe hoch qualifizierter Experten und technischer Spezialisten anzutreffen, deren Qualifikationsniveau deutlich über dem bisherigen Facharbeiterniveau liegt […]. Diesen Beschäftigten obliegen nicht nur dispositive Aufgaben etwa der Störungsbewältigung, sondern sie übernehmen verschiedentlich auch Aufgaben des Produktionsmanagements. Diese Beschäftigten sind, im Unterschied zu den einfach Beschäftigten, fraglos die Gewinner des absehbaren Technologieschubs.
[…] lockere Vernetzung sehr qualifizierter und gleichberechtigt agierender Beschäftigter gekennzeichnet. Einfache und niedrig qualifizierte Tätigkeiten sind hier nicht anzutreffen, denn sie sind weitgehend durch die Automatisierung substituiert worden. Zentrales Merkmal dieses Organisationsmusters ist, dass es keine definierten Aufgaben für einzelnen Beschäftigten gibt, vielmehr handelt das Arbeitskollektiv selbst organisiert, hoch flexibel und situationsbestimmt je nach zu lösenden Problemen im und am technologischen System. Allerdings existiert ein von der Leitungsebene vorgegebener Handlungsrahmen, der grundlegende Handlungsregeln, strategische Ziele und kollektive Orientierungen und Leitvorstellungen etwa in Hinblick auf einen möglichst störungsfreien und optimalen technologischen Prozess (Neef/Burmeister 2005: 569ff.). Anders formuliert, dieses Muster der Arbeitsorganisation zielt auf die explizite Nutzung informeller sozialer Prozesse der Kommunikation und Kooperation und der damit verbundenen extrafunktiona-len Kompetenzen und des akkumulierten spezifischen Prozesswissens der Beschäftig-ten. Es ist davon auszugehen, dass die in diesem Kontext Beschäftigten über ein Qualifikationsniveau verfügen, das noch deutlich über dem des Systemregulierers an konventionell automatisierten Anlagen liegt (s. o.). Zugleich aber ist dieses Muster eingebunden in die übergeordneten betriebsorganisatorischen Strukturen und die Opti-mierungsvorgaben der Wertschöpfungskette, deren Element das jeweilige autonome System ist und deren Vorgaben im Rahmen des skizzierten arbeitsorganisatorischen Musters situationsabhängig und flexibel umgesetzt werden sollen.“

(http://www.wiso.tu-dortmund.de/wiso/is/de/forschung/soz_arbeitspapiere/Arbeitspapier_Industrie_4_0.pdf)
 HYPERLINK “http://www.google.de/webhp?nord=1&gws_rd=cr&ei=eg7sVL3aMoj3O6ScgagG” 

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