Roter Brandenburger Oktober 2014

 

Roter Brandenburger

 

Roter Brandenburger

Ausgabe Oktober 2014

 

Es hat sich gelohnt!

Durcheinanderin den Köpfen

Denkmal Kienitz

NATO stoppen

Gedenktagfür die Opfer des Faschismus

Krieg im 21. Jahrhundert

Potsdam-Report: Schmerzhafte Demokratie

Wegmit Hitler – Schluss mit dem Krieg

Brandenburger Nachrichten in Rot

Ihr Kampf ist uns Mahnung und Verpflichtung

Bücherwurm: crossing the river


 

 

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Es hat sich gelohnt!

 

 

Nun ist es geschafft. Der Wahlmarathon 2014 ist vorüber. Wenn auch die Anzahl der abgegebenen Stimmen nicht unbedingt das Hauptziel der Wahlbeteiligung war, kann sich das Ergebnis sehen lassen. Trotz erschreckend gesunkener Wahlbeteiligung (49 %;
2009 67 %; 422.269 Wähler weniger) konnte die DKP ihre absoluten Stimmen ausbauen (212 Wähler mehr). In Potsdam stieg sogar der Stimmenanteil von 0,3 auf 0,5 % (45 Wähler mehr).
Aber dies war, wie schon gesagt, nicht das Hauptziel. Ziel war es, die DKP auf die Straße zu holen. In der Zeit der Sammlung der Unterstützerunterschriften wurden viele Gespräche geführt. An Informationsständen konnte die DKP ihre Positionen vertreten. Wenn dies sicherlich auch noch nicht genügend gemacht wurde, so wurde doch diese Zeit der Politisierung der Bevölkerung genutzt.
Wir danken auf diesem Wege allen fleißigen Helfern für Ihre Unterstützung. Eine ausführliche Auswertung erfolgt dann in der nächsten Ausgabe.

 

 

 

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Durcheinander in den Köpfen

 

 

In vier Wochen, am 9.November, feiert die deutsche Oberklasse die Überwindung des Antifaschistischen Schutzwalles der DDR. Sie setzt diesen Begriff höchst süffisant ein. Obgleich doch von Stund an unentwegt Doitsche, NAZI-Sprüche grölend, auf unseren Straßen marschierten und das unter Polizeischutz. Obgleich bald danach NAZI-Horden brandschatzend und mörderisch gegen Asylbewerberunterkünfte vorgingen, für deren Schutz vor Faschisten nunmehr nicht ausreichend Sicherheitskräfte zur Verfügung standen! Inzwischen ist die Zahl der von NAZIS ermordeten Menschen dreistellig! Und wir wissen, zumindest die Mörderbande, die allein schon zehn Menschen umbrachte, war geradezu eingekreist von V-Leuten der bundesdeutschen Sicherheitsdienste. Dann die Heimtücke: Die ganze NAZI-Bande sei Produkt vierzigjähriger kommunistischer Terrorherrschaft! Dabei ist weltweit bekannt, dass die Faschisten in Gestalt von NEONAZIS, SS-Traditionseinheiten, Ritterkreuzträgervereinen, Wehrmachtsreservisten, Revanchistenverbänden und so weiter, in der Bundesrepublik (Im Gegensatz zur DDR!) seit ihrer Gründung tatsächlich ungehindert öffentlich agieren durften. Diese Gewohnheit der Bundesrepublik wurde, wie alle anderen Übel jenes Staates, sehr schnell in die ihres Schutzwalles beraubten Ex-DDR übertragen. Und da „Vau Weh“ Gebrauchtwagen, Mallorka-Billigangebote und Bananen sehr Viele viel mehr bewegten als faschistische Bewegungen, nahm unser Schicksal seinen Lauf. Allerdings kann man auch heute durchaus das in der DDR zusammengestellte Braunbuch kaufen, in dem namentlich die Faschisten benannt sind, die Staat und Gesellschaft in Westdeutschland strukturierten. Ganz gewiss, die weiterhin üblichen faschistischen Aktivitäten haben in der Bundesrepublik eine seit 65 Jahren geschützte Tradition. So ist es kein Wunder, dass es in diesem freiheitlich-demokratischen Staat keineswegs zum Aufstand kommt, wenn Antifaschisten nicht nur als „Linksradikale“ abgestempelt, sondern tatsächlich auch juristisch verfolgt werden, wenn sie sich angesichts öffentlicher faschistischer Demonstrationen auch nur auf die Straße setzen. Hier wird nicht einmal begriffen, was es aussagt, wenn der DDR die Verordnung von Antifaschismus zum Vorwurf gemacht wird. In der Bundesrepublik ist selbst der Begriff Antifaschismus verpönt! Wer den Begriff „Antifaschistischer Schutzwall“ 25 Jahre nach seiner Öffnung immer noch voller Zynismus gebraucht, ist entweder politisch blind oder selbst faschistoid geschädigt.
Dergleichen Schäden bilden Metastasen! Zum Beispiel: Die DDR hatte ihre Grenze gegenüber den NATO-Staaten hermetisch geschlossen, eine Mauer gebaut. Sie hat auf Menschen geschossen, die über diese Grenze hinweg in einen Staat übertreten wollten, der sich unverhüllt seit seiner Gründung als Feind der DDR benannt und verhalten hatte. Ergo, sei die DDR ein Verbrecherstaat und ein guter Deutscher nur, wer diesen Verbrecherstaat bis in alle Ewigkeit verflucht. Nun hat allerdings ausgerechnet Deutschlands bester Freund und engster Verbündeter nicht nur den Vietnamkrieg auf dem Gewissen. Der hat bei all seinen Aggressionen, wie heute wirklich jeder weiß, die ganze Welt belogen und betrogen, Aggressionen denen Millionen Menschen zum Opfer fielen! Inzwischen tötete unser Freundesland in Staaten, in denen er kein Handlungsrecht hat und mit denen er nicht im Krieg steht, fast 4000 Menschen mit seinen Drohnen. Ohne jegliches Urteil, ohne Beweise, entgegen allem Völkerrecht, darunter ungezählte gewiss unschuldige Kinder und Mütter. Warum fragt sich in diesem gewaltig freien Deutschland eigentlich niemand: Wie kann die DDR als einer der bösesten Verbrecherstaaten eingestuft und behandelt werden, wenn ein so bluttriefender Waffenbruder Deutschlands, als Freiheitsapostel gilt?
Bis zum Erbrechen wird Tag für Tag „die Stasi“ als absoluter Beweis der Verbrecherherrschaft in der DDR angeführt. Wen kümmert es auch nur im Geringsten, dass in den Gefängnissen der Bundesrepublik weitaus mehr Menschen ums Leben kamen als in denen der DDR? Wen kümmert es hier, wenn weltweit die illegalen US-Gefängnisse in fremden Ländern bekannt wurden? Auch deren erschütternden Foltermethoden lassen unsere Berufs-DDR-Hasser keinen Moment einhalten. Oder fanden sie Vergleichbares unter den „Stasi-Methoden“. Aber die Spitzelei, aber diese I.M.’s, diese Schwerverbrecher. Man greift sich an den Kopf! Hat denn nach dem Fall der Mauer irgend einer der prächtigen freiheitlich¬demokratischen Staaten die Bespitzelung eingestellt oder wenigstens minimiert? Das MfS war doch im Vergleich zu NSA und CO ein Handwerksbetrieb. Es ist längst zwingend erforderlich, streng nach dem Ziel und dem Zweck der unendlichen Hetze zu fragen. Vielleicht soll sie uns nach der 25-jährigen Lüge von der Beendigung des Kalten Krieges vor Augen führen, dass Antifaschistischer Schutzwall richtig und MfS notwendig waren, weil NATO-Staaten einfach keine Ruhe geben und keinen Frieden gewähren?
Die traurige Wahrheit ist nämlich: Es gelang den Siegern von 1989 und 1991 das Volk regelrecht mit der freudigen Botschaft zu narkotisieren: der Kalte Krieg ist zu Ende! So konnte man fast widerstandslos die Arbeitsplätze von vielen Millionen Menschen zerstören, ihnen massenweise die Behausungen nehmen, ihre Kulturstätten, vom Kreiskulturhaus bis zum Palast der Republik verkommen lassen oder abzureißen usw. Die soeben von DDR-Terror Befreiten verließen zu Millionen ihre Heimat und es war nicht die „Stasi“, deren Terror sie verjagte! Man nennt sie natürlich nicht Heimatvertriebene. Nur wenige begriffen, so wurde der Kalte Krieg gegen die Besiegten weitergeführt. Noch weniger durchdrang die aggressive internationale Weiterführung des Kalten Krieges in Europa die Volksnarkose. Ungarn, Tschechien, Polen, Slowenien, Slowakei, Litauen, Lettland, Estland, Rumänien, Bulgarien, Kroatien – ein Staat nach dem anderen wurde der NATO zugeordnet. Wozu diese gewaltige Ausdehnung der NATO gen Osten, nachdem sowohl das Warschauer Vertragssystem als auch die UdSSR selbst aufgelöst waren? Spätestens der Krieg zur Aufteilung Jugoslawiens unter einer SPD-Grünen-Bundesregierung hätte die Leute aus der geistigen Umnachtung erwecken sollen. Pustekuchen.
Wach allerdings wurden die Russen. Schließlich standen NATO und EU bald wenige Kilometer vor Leningrad/StPeterburg. Nach dem Gorbatschow-Chaos brauchte es allerdings Jahre, bis das große Volk endlich einigermaßen verteidigungsbereit war – moralisch und technisch. Als die NATO nach Grusinien (Georgien) griff, demonstrierten die Russen überzeugend das Ende der Unterwürfigkeit. Doch NATO und EU sind längst von Größenwahn befallen. Sie greifen nun auch noch nach der Ukraine. Das „stoi!“ der Russen war nicht zu überhören. Leider wird in der BRD übersehen, dass die überhaupt nicht mehr anders können. Schaffen sie es nicht, endlich der weiteren Ostausdehnung von NATO und EU Paroli zu bieten, steht die Aufteilung der Russischen Förderation bevor. 25 Jahre nach Überwindung des Antifaschistischen Schutzwalls erleben wir auf einst sowjetischem Boden die nunmehr entscheidentste Schlacht des Kalten Krieges. Wird sie in der Dimension eines Kalten Krieges bleiben? Es ist bereits viel Blut geflossen. Die Bundesrepublik steht wie üblich, Tod, Teufel und Krieg nicht fürchtend, auf der Seite der Ostland-Reiter. Wird es diesmal den Deutschen gut bekommen??

Hans Stahl

 

 

 

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Denkmal Kienitz

 

 

Dieses Denkmal in Kienitz erinnert daran, dass Kienitz der erste Ort jenseits der Oder war, der befreit wurde. Es soll nun mit LOTTO-Landesmitteln und mit Mitteln der Gemeinde saniert werden. Die Erläuterung der historischen Ereignisse und der Geschichte des Denkmals sollen »einen Beitrag gegen Rechtsextremismus leisten«, erklärte Kulturstaatssekretär Martin Gorholt. »Sowohl die Geschichte des Zweiten Weltkrieges als auch die kritische Aufarbeitung des Antifaschismus der DDR sind wichtige Bestandteile der zeitgeschichtlichen Erinnerungskultur«, sagte er. (ND v. 11.09.14)
Soll heißen, dass der Panzer als Beispiel für den sogenannten verordneten Antifaschismus herhalten soll und auch so benannt werden soll. Das Denkmal entstand 1970 auf Initiative des damaligen Bürgermeisters. Die NVA „spendierte“ dazu einen ausgedienten T-34 Panzer.
Antikommunismus ist nur eine der Grundlagen, die den Faschismus wieder zur Macht erstehen lassen. Somit laufen die Bestrebungen, den Antifaschismus in der DDR zu verunglimpfen, den Zielen des Kampfes gegen den Rechtsextremismus zuwider und bereitet neue Kriege vor.

 

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NATO stoppen

 

 

Auf dem Oranienplatz trafen sich am 4.9. einige Hundert Teilnehmer, die der Einladung eines NO-NATO-Bündnisses Berlin (initiiert von der Friko) folgten. Kundgebung und anschließende Demo waren dem Protest gegen den NATO-Gipfel (vom 4. bis 5. September 2014 in Wales) gewidmet. Die Teilnehmer unterstützten das Anliegen in der Öffentlichkeit und machten mit Transparenten und Schildern aufmerksam:•  NEIN zum Krieg – NATO stoppen!
•  Schluss mit NATO-Osterweiterung und Einmischung in der Ostukraine!
•  Keine Unterstützung von Faschisten!
•  Keine NATO-Manöver in Osteuropa!Sie waren sich einig in ihrer Solidarität mit allen antifaschistischen und emanzipatorischen Kräften in der Ukraine. Mehrere Redner gaben der Kritik an der NATO-Struktur seit 1990 und deren Politik deutlichen Ausdruck, die im Namen der Weltbeherrschungspläne von USA/EU zu Katastrophen in Jugoslawien, im Irak, in Afghanistan, Libyen und Syrien geführt haben und auch vor Lateinamerika nicht halt machen. Die Medienhetze gegen Russland und Putin fand scharfen Protest.
Wir dokumentieren in Auszügen die berührende und aufrüttelnde Rede von Olga Scholz, die bekannt ist, als eine der Organisatorin der Ukraine-Ausstellung an der Jannowitzbrücke 2014.

Ute Mader

Ich möchte meine Worte, voller Trauer, den Tausenden Toten und Verletzten im Donbass widmen, darunter sind viele Kinder, Frauen und hilflose alte Menschen. Ich möchte hier und jetzt an die Menschen erinnern, die seit Monaten im Donbass in den Kellern leben, ohne Strom, ohne Wasser und Lebensmitteln, geschweige denn eine medizinische Versorgung haben! An diejenigen, die die Städte und Dörfer verlassen mussten, um ihr Leben zu retten, während die ukrainische Armee Bomben und Panzer gegen sie schickte! Als Tochter einer Frau aus der Ukraine und eines Mannes aus Russland, die das Deutschland als ihre zweite Heimat betrachtet, fällt es mir sehr schwer, zu glauben, dass es in Europa wieder möglich geworden ist, zu versuchen, uns russisches, ukrainisches und deutsches Volk als Menschengemeinschaft zu spalten, aufeinander zu hetzen, indem man uns unverhohlene Lügen erzählt und damit manipuliert! …
Wir alle sollten gemeinsamen Widerstand leisten, uns vernetzen, vereinigen! Alles hinterfragen!! Und im richtigen Moment die entscheidende Frage stellen: WEM NÜTZT DAS? Die Antwort ist einfach: denjenigen, die die größten Profite daraus ziehen!!
WEM NÜTZT ES, dass mit Hilfe der Mainstreammedien ein völlig falsches, verdrehtes Bild über die Gründe, das Ausmaß und die Grausamkeiten des Bürgerkrieges in der Ukraine erzeugt wird?
WEM NÜTZT ES, dass den Menschen in Europa in den letzten 6 Monaten permanent ein bestimmtes FEINDBILD vermittelt wird?? …
Die heutige ukrainische Regierung ist durch einen gewalttätigen Putsch an die Macht gekommen!! Die heutigen Machthaber der Ukraine haben die ukrainische Verfassung mit den Füssen getreten, das Land in ein Chaos und einen blutigen Krieg gestürzt!! Sie haben das Land an die westlichen großen Energiekonzerne verschenkt und verkauft!!
Sie sind die tatsächlichen Separatisten, und nicht das Volk des Süd-Ostens!
Die wenigsten von euch wissen, dass fünf Gebiete im Süd-Osten der Ukraine für 50 Jahre laut Vertrag an die großen westlichen Energiekonzerne für Gewinnung von Schiefergas verpachtet wurden mit dem Recht, diesen Vertrag auf Wunsch der Vertragsparteien zu verlängern. Zu diesen Gebieten (was für ein Zufall!!) gehören die Regionen Donezk und Lugansk! …
An dieser Stelle komme ich noch mal zu der entscheidenden Frage: WEM NÜTZT ES??
Wem nützt es, dass die Ukrai-ne, die mit Russland über Jahrhunderte ganz tief kulturell und wirtschaftlich verwurzelt war, jetzt in ein Chaos gestürzt ist?
WARUM werden die Verantwortlichen für die Schießerei auf dem Maidan, wo über 100 Menschen von den Scharfschützen getötet wurden, nicht zur Rechenschaft gezogen!?
Wem nützt es, dass die Verantwortlichen für die grausamste und die schmutzigste Tragödie der jüngsten Zeit in Odessa am 02. Mai noch nicht ermittelt und noch nicht bestraft sind?
Wer profitiert von dem Absturz des Fluges MH 17 und vom Tod von fast 300 Menschen, von den sofortigen Beschuldigungen Russlands und warum verweigern die Ukraine, die Niederlande, Belgien und England die Aufklärung?

Olga Scholz, Rede gehalten am 4.9.2014 in Berlin

 

 

 

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Gedenktag für die Opfer des Faschismus

 

 

Zum ersten Mal nach zwölf Jahren faschistischer Herrschaft in Deutschland rief der Berliner Magistrat für den 9. September 1945 zum Tag der »Opfer des Faschismus« auf. Der Aufruf fand breite Unterstützung bei den neu zugelassenen, antifaschistisch-demokratischen Parteien, den jüdischen Gemeinden, den Kirchen, bei den Gewerkschaften und Jugendausschüssen. In zahlreichen Städten Sachsens, in Brandenburg, Weimar, Neumünster, Stuttgart und an vielen anderen Orten gab es Gedenkfeiern für die Opfer des Faschismus.
In Berlin bewegten sich an diesem Tage große Demonstrationszüge durch die Stadt zum Stadion Berlin-Neukölln, das nach dem Sportler und antifaschistischen Widerstandskämpfer Werner Seelenbinder benannt worden war, den die Nazis 1944 hingerichtet hatten.1
Tausende hatten sich versammelt. Sie nahmen die Sätze aus dem Schwur von Buchenwald auf
»… Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel …«
und identifizierten sich mit dieser Aussage.
Ich unterstelle: Für die meisten wäre nicht vorstellbar gewesen, dass nach neunundsechzig Jahren in einer ernstzunehmenden, sich wissenschaftlich gebenden Publikation der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau Dora der Schwur von Buchenwald verfälscht wird, so dass er nur lautet
» … Die Vernichtung des Nazismus ist unsere Losung… « 2
Es handelt sich um kein Versehen, sondern um Methode, um praktische Umsetzung bundesdeutscher Gedenkpolitik, die nicht daran interessiert sein kann, die Wurzeln des deutschen Faschismus bloßzulegen und vielleicht anzugreifen. Viel wichtiger, als an die Wurzeln zu gehen, ist, die Ursachen zu verschleiern, zu beschönigen und unkenntlich zu machen.
Den Nationalen Mahn- und Gedenkstätten in der DDR wurde von jenen, die Widerstand halbherzig auf die Mutigen vom 20. Juli 1944 reduzierten, »verordneter Antifaschismus« unterstellt. Sie wurden zu Gedenkstätten im Sinne von Friedhöfen umfunktioniert, weil Mahnung Aktivwerden impliziert.
Der zweite Septembersonntag ist nach Bayern und Hessen nun auch in Sachsen der Gedenktag für die Heimatvertriebenen, mit dem man das »Leid der Opfer von Flucht, Vertreibung und Zwangsumsiedlung« erinnern will. Aus dem Gedenktag soll möglichst ein europäischer werden. »Statt Gedenktag sollte es besser Tag der Instrumentalisierung von Leid heißen; es wäre ehrlicher.« 3
Wohl auch aus diesem Grund ist man von der Vernichtung der Wurzeln so konsequent abgerückt. Ginge man an die Wurzeln, was käme da ans Licht!
Stattdessen wird vom Nationalsozialismus geschwätzt und der antifaschistische Kampf wird getilgt zugunsten der »Opfer nationalsozialistischer Verbrechen«.
» Wer aber >faschistisch< wie >antifaschistisch< ablehnt und dafür von >nationalsozialistisch< spricht, wer also zur faschistischen Diktatur >nationalsozialistische Diktatur< sagt und zur faschistischen Gesinnung >Nationalsozialismus< geht der demagogischen Selbstetikettierung auf den Leim.«4 Zu keinem Zeitpunkt wollten die Nazis sozialistische Ideen aufgreifen.
» Die offizielle Festlegung auf das Wort >Nationalsozialismus< beabsichtigt offenbar, mit Rückblick auf den gescheiterten Realsozialismus, diesen in eine solche Nähe zu führen und eine Abwertung des Begriffes Sozialismus vorzunehmen … zugleich möchte man damit den konsequenten Antifaschismus in der DDR in Frage stellen.« 5
Dem Bund der Antifaschisten Frankfurt (Oder) ist in diesem Jahr das Gedenken am zweiten Septembersonntag nicht erlaubt worden. Die Landtagswahl besäße Priorität, hieß es und politische Veranstaltungen seien an diesem Tag nicht möglich.
Das zu erfahren, nach einem von den Neofaschisten der, immer noch legalen, NPD aggressiv geführten Wahlkampf, nach rassistischen Ausfällen einer rechtspopulistischen Partei, die vorgibt Alternativen anzubieten, ist nicht nur bitter.
Das verlangt von uns allen, die wir uns aus guten Gründen dem antifaschistischen Vermächtnis verpflichtet fühlen, sehr wachsam zu bleiben.
Denen, die gelegentlich mahnen, der Anfänge zu wehren, sei deutliche gesagt:
Wir sind inzwischen leider weit über die Anfänge hinaus und deshalb müssen wir darauf bestehen, den Nazismus mit seinen Wurzeln zu vernichten, so wie es 1945 Losung geworden war.1 Vgl. Coppi, Hans; Warmboldt, Nicole: Der zweite Sonntag im September. Berlin, 2011.
2 Neugestaltung der Dauerausstellung Konzentrationslager Buchenwald 1937-1945.  Weimar 2014.
3 Hennecke, Renate: 14. September-Tag der Instrumentalisierung. In: Ossietzky,   Themenheft 17 Erinnerungspolitik, 16. August 2014. S. 577.
4 Arlt, Peter: Sprache und Erinnerung. In: Ebenda. S.579 f.
5 Ebenda.

 

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Krieg im 21. Jahrhundert
Das Deutsche Heer: Vorbereitung auf den Sieg im Gefecht

 

 

Jürgen Heiducoff ist nach fast 40 Jahren Dienst in zwei deutschen Armeen Anhänger der Friedensbewegung geworden. Über 20 Jahre war er auf dem Gebiet der militärischen Rüstungskontrolle, der Vertrauens- und Sicherheitsbildung und Abrüstung tätig. Die Teilnahme an Waffenstillstandsverhandlungen während des Kaukasuskrieges Rußlands in Tschetschenien und fast drei Jahre Einsatz in Afghanistan haben ihm gezeigt, dass Krieg und Gewalt in der heutigen Welt nicht zur Konfliktlösung geeignet ist. Er wurde im Rang eines Oberstleutnant aus der Armee entlassen. -Heiducoff sieht in der Bundeswehr einen klaren Sinneswandel von einer Abrüstungsperspektive hin zum Kriegsdenken.
Unweit der deutschen Hauptstadt, im Landkreis Märkisch – Oderland liegt das Städtchen Strausberg. Am 30. August findet dort das traditionelle Friedensfest statt. Unter den Gästen werden wie alljährlich viele ehemalige Offiziere und Generale sein. Hier befand sich das Ministerium für Nationale Verteidigung der ehemaligen DDR und ein internationales Tagungszentrum des Warschauer Vertrages. Im Norden der Stadt ist auch heute noch ein Kasernenkomplex zu finden. Von einigen Modernisierungen abgesehen, hat sich infrastrukturell seit den 1980er Jahren nicht all zu viel geändert. Neu ist der Geist, der hier herrscht. Hier finden wir heute das neu aufgestellte Kommando Heer und die Akademie der Bundeswehr für Information und Kommunikation (AIK).
Nachdem die Strategie des Warschauer Vertrages nach 1987 konsequent auf Verteidigung ausgerichtet worden war, umfangreiche Rüstungs- und Streitkräftereduzierungen vorsah und auf einen Prozess der militärischen Vertrauensbildung orientierte, fand in dieser Strausberger Kaserne, wenn auch zähflüssig, eine erste Wandlung im Umgang zwischen den Militärblöcken statt.
Hier wurde ein Verifikationszentrum aufgebaut – eine der Urzellen internationaler militärischer Kontakte und Vertrauensbildung. Offiziere wurden vorbereitet, die Inspektionen zum INF – Vertrag über die Beseitigung von Mittelstreckenraketen und die Manöverbeobachtungen sicherzustellen. Bereits im Sommer 1988 sind bei Großmanövern sowjetischer Truppen und der NVA ausländische Beobachter begleitet worden.
Natürlich waren an den ersten Kontakten nur handverlesene Generale und Offiziere beteiligt. Aber es war ein Anfang getan. Und es begann ein tiefgreifendes Umdenken.
Bei aller Skepsis und Zurückhaltung gab es in dieser Zeit auch Hoffnungen auf eine friedliche Welt. Heute, ein Viertel Jahrhundert später, haben sich diese Träume leider längst aufgelöst. Die Welt hat sich verändert. Sie ist kriegerischer geworden. Da bedürfte es eigentlich konstruktiver Friedensbotschaften. Doch leider kommen andere Signale aus Strausberg.
Die AIK bildet die Jugendoffiziere aus, die in den Schulen für das Kriegshandwerk werben. Auch sonst pflegt die Akademie recht intensive Kontakte zu Hochschulen, aber auch zur Gesellschaft. „Krieg im 21. Jahrhundert“ lautet martialisch das Thema einer „Summer School“ der AIK in Kooperation mit der Universität Köln. Zielpersonen dieser Kriegsseminare, die am Weltfriedenstag beginnen, sind Masterstudierende und Promovierende in geistes- oder sozialwissenschaftlichen Studiengängen. Langfristig soll der künftigen Elite und unserer Gesellschaft die naturgegebene Kriegsangst genommen werden. Es sieht so aus, als sehnten die Veranstalter den Krieg herbei. Als hätte unsere Gesellschaft keine anderen Probleme.
Nebenher läuft an den Universitäten Augsburg und Bremen ein Forschungsprojekt zum Soldatentod. Heeresinspekteur Generalleutnant Kasdorf führt von Strausberg aus die Neuausrichtung und die auf weltweite Einsätze ausgerichtete Ausbildung der größten Teilstreitkraft. Im Klartext heißt das: Vorbereitung auf den Sieg im Gefecht, auf den Krieg – auf Tod, Verwundung und Traumatisierung. Kasdorf selbst ist gezielt für diese Funktion als Heeresinspekteur aufgebaut worden. Er gehört zu den Generalen mit der größten Einsatzerfahrung. Zwei Mal war er Chef des Stabes der Internationalen Schutztruppe ISAF in Afghanistan, seine Vorgesetzten waren Viersternegeneräle der US Army. Von denen konnte er unmittelbar Aufstandsbekämpfung im zivilen Umfeld lernen.
Bis zuletzt war er davon überzeugt, dass die Aufständischen besiegt werden können. Vom Einsatz her denken, das ist einer der Leitsprüche. Doch Einsatz, zum Beispiel in Afghanistan, das ist, wenn auch asymmetrisch, doch immerhin Krieg.
Der Inspekteur besuchte vor einigen Wochen das Deutsche Einsatzkontingent in Mali. Kasdorf posierte mit Pionieren beim Übersetzen des Niger. 1)
„Bei … Konflikten müsse mit einer Vielzahl von Risiken und Bedrohungen in unterschiedlichen Regionen, zu unterschiedlichen Zeitpunkten, mit unterschiedlicher Intensität und in unterschiedlicher Kombination gerechnet werden … Die Fähigkeit zur Kontrolle urbaner Räume ist dabei zum Aufbau und Erhalt von Sicherheit und Ordnung unabdingbar“, sagte Kasdorf während einer Veranstaltung der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik e.V. 2)
Ein klarer Sinneswandel von einer Abrüstungsperspektive hin zum Kriegsdenken in Strausberg. Hier werden in der Gegenwart die Grundprinzipien der Ausbildung des Heeres konzipiert. Ein Schwerpunkt wird auf die Fähigkeiten zum Kampf im Urbanen Gelände gelegt. Dazu zählt vor allem die Fähigkeit zum Häuser- und Tunnelkampf. Laut „Welt am Sonntag“ vom 10.08.2014 wird „die Zusammenarbeit der Bundeswehr mit den israelischen Verteidigungsstreitkräften intensiviert. Wie der Inspekteur des Heeres, Generalleutnant Bruno Kasdorf, dem Verteidigungsausschuss des Bundestags mitteilte, sollen … deutsche Soldaten nach Israel geschickt werden, um dort im Häuser- und Tunnelkampf ausgebildet zu werden.3) …
Seit Jahrhunderten liegt der Schwerpunkt der Ausbildung deutscher Landstreitkräfte auf der Vorbereitung von Feldschlachten. Im Felde konnten sich reguläre Streitkräfte messen und zugleich zivile Verluste gering halten. Doch nun verzeichnen wir immer mehr eine Ausrichtung der Ausbildung auf den Kampf in Städten. Es bleibt spekulativ, welche Städte in welcher Region gemeint sein könnten. Und es liegt auf der Hand, dass künftig in diesem Umfeld von Kampf und Vernichtung verstärkt zivile Opfer einkalkuliert werden. Afghanistan lässt grüßen. Eine grauenhafte Perspektive des Einsatzes der Streitkräfte einer Demokratie.

Übernommen von www.rationalgalerie.de

Interview des Deutschlandfunks vom 12.04.2007 mit dem damaligen Chef des Stabes ISAF, Generalmajor Kasdorf:


Simon: Was könnte die Schutztruppe insgesamt besser tun, wenn die Mitgliedsländer mehr Soldaten schickten?
Kasdorf: Wir wären natürlich wesentlich besser in der Lage, überall dort auch tätig zu werden, wo bisher die Regierung Afghanistans noch nicht tätig hat werden können auf Grund der Sicherheitslage und auf Grund der tatsächlich zu geringen Anzahl von NATO- wie auch von afghanischen Truppen.
Simon: Wenn Sie sagen, tätig werden, was meinen Sie damit dann?
Kasdorf: Ich habe eingangs ja gesagt, wir sprechen über die Unterstützung der afghanischen Regierung, und worum geht es hier vor allen Dingen? Es geht darum, die Hoheitsgewalt der afghanischen Regierung durchzusetzen in Gesamtafghanistan und die Voraussetzung zu schaffen, dass Wiederaufbau und Entwicklung stattfinden kann. Und nur über diesen Weg werden wir letztendlich auch in Afghanistan erfolgreich sein können.
Simon: Gerade angesichts dieser Zahl, die Sie nennen, Generalmajor Kasdorf, ist es für die ISAF ja sehr problematisch, dass gerade im Süden bei Angriffen der ISAF oder wo man eben Taliban sucht, versucht, sie zu finden, immer wieder auch Zivilisten ums Leben kommen. Das schadet Ihnen ja in der Bevölkerung. Gibt es da inzwischen neue, schärfere Anweisungen für die ISAF-Soldaten?
Kasdorf: Also Sie können eigentlich nicht von schärferen Anweisungen sprechen. Wir sind besorgt um jedes Menschenleben, und wir tun alles, was wir können, um afghanisches Leben auch zu schonen.
Wir sehen hier einen anderen Trend, und deshalb, sage ich mal, zweifle ich, wenn ich das die letzten Monate verfolge, ob das wirklich so ist, dass es uns schadet, weil diejenigen, die Böses wollen, eigentlich keine Rücksicht mehr auf die Bevölkerung nehmen, und diese IED-Anschläge, also die improvisierten Sprengkörper, richten auch in der afghanischen Bevölkerung riesengroßen Schaden an, mehr als sie bei uns anrichten. 4)

Quellen:
1) http://www.deutschesheer.de
2) http://www.deutschesheer.de
3) http://www.welt.de/politik/deutschland/articlel31057577/Bundeswehr-soll-in-Israel den-Tunnelkampf-lernen.html
4) Deutschlandfunk 12.04.2007 – http://www.dradio.de/dlf/sendungen/interview_dlf/614311/

 

 

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Potsdam-Report: Schmerzhafte Demokratie

 

 

Nun kommt doch keine Ruhe in die Diskussion um die Garnisonkirche. Und das ist gut so!

Linke will Bürgerbefragung

Die Partei Die Linke hat vor, in der Stadtverordneten Versammlung eine Bürgerbefragung zur Garnisonkirche zu beantragen. Bei den vorherrschenden Mehrheitsverhältnissen und dem bisherigen Stimmverhalten des bürgerlichen Lagers ist kaum ein positives Ergebnis zu erwarten. Die Garnisonkirchen-Befürworter scheuen die Stimme des Volkes wie der „Teufel das Weihwasser“. Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass des Volkes Stimme in der bürgerlichen Demokratie (Demokratie = Herrschaft des Volkes) wirklich Gewicht hätte.

Bürgerinitative überreicht „Maßnahmenliste“

Eine erste „Maßnahmenliste“, nach der der Oberbürgermeister zur Umsetzung des Stadtverordnetenbeschlusses im Stiftungsrat „öffentlichkeitswirksam für Auflösung werben und Überzeugungsarbeit leisten“ könne, übergab Simon Wohlfahrt von der Bürgerinitiative „Für ein Potsdam ohne Garnisonkirche“ Oberbürgermeister Jann Jakobs am Mittwoch. Das Kuratorium könne laut Stiftungssatzung durchaus über die Auflösung entscheiden, so der Sprecher der Bürgerinitiative: „Da drei Viertel der Mitglieder der Auflösung zustimmen müssen, ist der Oberbürgermeister beauftragt, die jeweiligen Akteure, die mehrheitlich der evangelischen Kirche angehören, von der Auflösung der Stiftung zu überzeugen.“
Die Bürgerinitiative empfiehlt dem Oberbürgermeister den Entwurf eines Argumentationspapiers, Einzelgespräche mit den Beiratsmitgliedern und „weitere öffentliche Diskussionsveranstaltungen“. Sollte die Überzeugungsarbeit „nicht ausreichen, werden von der Bürgerinitiative weitere Möglichkeiten aufgezeigt, mit denen die Auflösung einer Stiftung erreicht werden könnte“. (MAZ 28.08.14)

Christen gegen Garnisionkirche

Aber der Wind weht auch aus einer anderen Richtung. Mit dem Aufruf „Christen brauchen keine Garnisonkirche“ sprechen sich mehr als 70 Christen öffentlich gegen den geplanten Wiederaufbau der Potsdamer Garnisonkirche aus – einer Kirche, „die sich von Obrigkeit und Militär in Dienst nehmen ließ, Demokratie verachtete und auf politische Weisung Krieg predigte“. Die Unterzeichner bezweifeln, dass der geplante Neubau dem Konzept eines Versöhnungszentrums entsprechen könne, „wenn schon die Zusage nicht mehr gilt, die Kirche unter das Nagelkreuz von Coventry zu stellen.“ Ursprünglich war von kirchlicher Seite geplant, den neuen Turm der Garnisonkirche mit dem Nagelkreuz als Friedens- und Versöhnungssymbol zu krönen statt mit einer Nachbildung der historischen Wetterfahne. Inzwischen ist jedoch vorgesehen, das Nagelkreuz neben der Kirche aufzustellen. Die Wetterfahne wurde bereits rekonstruiert und steht seit einigen  Wochen am früheren Standort der Kirche.
Der Aufruf wurde zum Weltfriedenstag, dem 1. September, auf einer eigenen Internetseite veröffentlicht. Erstunterzeichner sind unter anderem namhafte Persönlichkeiten, wie Ex-Bundesjustiministerin Herta Däubler-Gmelin (SPD), der Wittenberger Theologe Friedrich Schorlemmer und der frühere Benediktinermönch Fulbert Steffensky.

Aufruf trifft tief

Nun sind die Unterzeichner wahrlich nicht verdächtig der linken oder gar der links-alternativen Szene anzugehören. Auch „DDR-Nostalgie“ kann man getrost ausschließen. Die Kritik trifft daher um so tiefer. Cornelia Radeke-Engst, die Potsdamer Pfarrerin der Nagelkreuzkapelle, welche sich auf dem ehemaligen Standort der Garnisonkirche befindet, verweist auf das Programm der Kapelle. Dies sei friedenorientiert und nicht an den alten Werten.
Ob dies dann auch so bleibt, kann bezweifelt werden. Wie die Frauenkirche in Dresden zeigt (RB berichtete), kommt dann doch das eine oder andere Militaristenherz auf „kluge Gedanken“.
Barbara Kuster vom Bündnis Potsdamer Mitte fühlt sich verletzt. Das Bündnis wolle „keine Militärkirche, sondern eine der schönsten norddeutschen Barockkirchen wieder aufbauen mit neuen Inhalten“, sagt sie. Unterstützung erhalten beide von Hans-Joachim Kuke vom Verein Potsdamer Stadtschloss. Er nennt die Behauptungen, in der Garnisonkirche sei einst Krieg gepredigt worden „flach“ und „ärgerlich“. (MAZ 31.08.14)
Ein schon „durchgewunken“ geglaubtes Problem scheint sich immer wieder aufzustellen. Sorgen wir dafür, dass es bis zur Aufgabe der Wiederaufbaupläne immer wieder zur Sprache kommt.

Frank Novoce

 Erklärung: Warum wir Christinnen und Christen keine neue Garnisonkirche brauchen

Der geplante Wiederaufbau der Potsdamer Garnisonkirche spaltet die Potsdamer Bürgerschaft. Jenseits von Stadtbild- und Stadtentwicklungsfragen, des Streites um öffentliche Gelder oder private Spender, scheiden sich seit zwei Jahrzehnten die Geister an der Frage, was der Wiederaufbau dieser Kirche symbolisiert.

Wir wollen dem Eindruck entgegentreten, alle Christinnen und Christen würden dem Vorhaben einhellig zustimmen.

Weil es ein Projekt von „nationaler Bedeutung“ sei, wie Initiatoren erklären, fragen wir uns, was für ein Signal vom Wiederaufbau angesichts einer Geschichte ausgeht,
– in der die Potsdamer Garnisonkirche insbesondere für eine Kirche stand, die sich von Obrigkeit und Militär in den Dienst nehmen ließ, Demokratie verachtete und auf politische Weisung Krieg predigte,
– in der am „Tag von Potsdam“ am 21. März 1933 das verheerende Bündnis zwischen konservativem Bürgertum, preußischem Militär und Nazi-Führung mit kirchlichem Zeremoniell besiegelt wurde.
Weil der Wiederaufbau dieser Kirche eine Stellungnahme zu dieser Geschichte ist,
– wollen wir keine Kirche, die der Einstimmung von Soldaten auf Gehorsam bis in den Tod diente und durch religiöse Deutung des Krieges ihn als Gottes Wille predigte;
– keine Kirche, die unser Nein zum „Geist von Potsdam“ rückgängig macht und nicht deutlich macht, was wir seit den Bekenntnissen von Barmen 1934 und Darmstadt 1947 als Versagen und Verrat am Evangelium nach wie vor bezeugen.
Weil die Kirchen in Deutschland seither die Trennung vom Staat als einen Weg in die Gesellschaft gesucht haben, und weil sie ihr öffentliches Wirken an Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung orientieren wollen, fragen wir, ob und wie ein Neubau der Garnisonkirche als ein Zeichen verstanden werden kann, das dem entspricht.
Wir bezweifeln, wie der geplante Neubau dem Konzept eines „Versöhnungszentrums“ entsprechen kann, wenn schon die Zusage nicht mehr gilt, die Kirche unter das Nagelkreuz von Coventry zu stellen.
Wir verstehen nicht, wie zum Reformationsjubiläum 2017 die Fertigstellung des Turms dieser Kirche gefeiert werden soll. Wir befürchten, dass damit die notwendige Auseinandersetzung mit den dunklen Seiten der Kirchen der Reformation, ihrem antidemokratischen Geist und ihren antijüdischen Predigten verdrängt wird.
Weil Kriege, Militarisierung der internationalen Beziehungen und Missbrauch von Religion zu kriegerischer Hetze bedrohlich aktuell sind, weil auch in Deutschland von „neuer Macht“ geredet, gegen eine „friedensverwöhnte“ Gesellschaft polemisiert und ein Ende der militärischen Zurückhaltung gefordert wird, brauchen wir heute ein anderes Zeichen als eine neue Garnisonkirche.
Potsdam, zum 1. September 2014

Erstunterzeichner und selbst unterschreiben siehe
www.christen-brauchen-keine-garnisonkirche.de 

 

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Weg mit Hitler – Schluss mit dem Krieg

 

 

So lautete die Überschrift eines der Flugblätter, die von der Saefkow-Jacob-Bästlein-Organisation geschrieben und in Berlin sowie in den umliegenden Industrieorten in der Provinz Brandenburg verbreitet wurden. Selbst an den Fronten des Krieges tauchten die Antikriegsschriften auf.
Nach der weitgehenden Zerschlagung der Widerstandsgruppen in Berlin und Hamburg wagten die Kommunisten Anton Saefkow, Franz Jacob und Bernhard Bästlein einen illegalen Neuanfang. In mühevoller Kleinarbeit gepaart mit strenger Konspiration schufen sie in Berlin ein breit gefächertes Widerstandsnetz, dass vor allem auf der Basis von illegalen Betriebszellen in Großbetrieben der Reichshauptstadt entstand, aber auch in dem Industriedorf Basdorf bei Berlin, in Oranienburg, Potsdam Strausberg und in Velten Mitstreiter besaß. Im Zeitraum von Ende 1942 bis zum Sommer 1943 entstand eine Widerstandsorganisation, die Verbindungen zu Thüringer Antifaschisten unter Leitung von Dr. Theodor Neubauer und Magnus Poser hatte. Ferner gab es feste Kontakte zu Antifaschisten in Dresden, Düsseldorf, Greifswald, Hamburg, Hannover, Landsberg a. Warthe, Leipzig Magdeburg und Schlesien.
Aus losen antifaschistischen Freundeskreisen entstand allmählich die Saefkow-Jacob-Bästlein-Organisation mit ca. 500 Mitstreitern. Sie entwickelte sich zu einem der größten Widerstandsnetzwerke. Es bestand aus Arbeitern, Angestellten, Ärzten, Lehrern, Ingenieuren, Künstlern, Geschäftsleuten und desertierten Wehrmachtsangehörigen. 250 Mitstreiter waren vor 1933 Mitglieder der KPD, ca. 30 Angehörige der SPD und 220 waren parteilos. Sie alle einte der Wille, einen Beitrag zur Beendigung des Völkermordens zu leisten. Ein Drittel der Mitstreiter waren Frauen.
Judith Auer, Erich Fähling, Fritz Goltz Wilhelm Moll, Max Sauer Franz Schmidt, Grete Schöneck, Gustav Wegener und Julius Wordelmann gehörten zur engeren Führung der illegalen Organisation. Sie knüpften unter Leitung von Anton Saefkow und Franz Jacob, der illegal in Berlin lebte, im ersten Halbjahr 1943 ein weitverzweigtes Widerstandsnetz. Im Ergebnis der unermüdlichen Anstrengungen, den illegalen Widerstand im Raum Berlin und der Provinz Brandenburg zu organisieren, waren im Sommer in über 70 Betrieben illegale Betriebszellen entstanden. Die antifaschistische Arbeit in den Rüstungsbetrieben wurde immer mehr zum Schwerpunkt der Widerstandsorganisation. Die Gewinnung und Mobilisierung von Arbeitern für die illegale Arbeit war eine wesentliche Voraussetzung für erfolgreiche Aktionen gegen das NS-Regime. Die Großen Rüstungswerke boten relativ günstige Bedingungen für antifaschistische Agitation, Sabotage und andere Formen des Widerstandes. So organisierten Widerständler der Saefkow-Jacob-Bästlein-Organisation im Berliner Knorr-Bremsenwerk Störungen im Produktionsablauf indem sie Werkzeuge und Maschinen beschädigten. Im AEG -Kabelwerk Berlin-Oberspree organisierten die Antifaschisten eine rege Antikriegsflüsterpropaganda. Sie halfen ferner Familien von Inhaftierten durch Solidaritätsaktionen und arbeiteten eng mit den ausländischen Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen zusammen. Regelmäßig übermittelten sie ihnen Informationen über das Kriegsgeschehen und versorgten sie mit Lebensmitteln und Kleidung. Besonderes Aufsehen erregten heftige Explosionen, die sich Ende April 1943 in der Nähe von Erkner ereigneten. Kampfgefährten Anton Saefkows und Franz Jacobs war es in wochenlanger Beobachtung gelungen, die Fahrzeiten der Munitionstransporte auszukundschaften, die durch diesen Berliner Vorort regelmäßig an die Ostfront rollten. Sorgfältig prüften und berieten die Leitungsmitglieder der Organisation, wie der Nachschub der Faschisten auf dieser Strecke unterbrochen werden könnte. Die Aktion sollte nicht nur Schaden anrichten, sondern gleichzeitig auch der Bevölkerung zeigen, dass es Widerstand gab, dass Kräfte vorhanden waren die alles daransetzten, dem Völkermorden ein Ende zu bereiten.
Von Januar bis Anfang Juni 1944 verfassten und verbreiteten Angehörige der illegalen Organisation 34 verschiedene Flugschriften in zahlreichen Exemplaren, die auch an den Kriegsfronten auftauchten. Sie entlarvten die faschistische Lügenpropaganda, riefen die Bevölkerung zum Widerstand gegen das Naziregime auf und zum Zusammenschluss aller Antifaschisten im Sinne des Friedensmanifestes der KPD vom 6. Dezember 1942. Fritz Goltz berichtete: „Wir befassten uns jedoch nicht nur mit Sabotage der Rüstungsproduktion. Die marxistisch-leninistische Schulung unserer Kampfgefährten, die Sammlung von Lebensmitteln und Lebensmittelkarten für die in der Illegalität lebenden Mitstreiter gehörten ebenfalls zu unseren Aufgaben.“
In den Betrieben suchten die Angehörigen der illegalen Organisation den Kontakt zu den Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen, um sie einerseits zu unterstützen sie aber auch für das illegale Wirken zu gewinnen. So orientierten die Widerständler in der Rüstungsfirma Vel-Ma in Velten/Hohenschöpping, die Maschinengewehr für die Luftwaffe produzierte die Zwangsarbeiterinnen und Häftlingsfrauen aus dem KZ Ravensbrück darauf, langsam zu arbeiten, da es ja um Präzisionswaffen ginge, die in bester Qualität auszuliefern waren. Die Frauen verstanden die Hinweise in Bezug auf die Langsamarbeit schnell und es kam zu erheblichen Verzögerungen in der Waffenproduktion.
Die Häftlingsfrauen und Zwangsarbeiterinnen wurden unterstützt mit Lebensmitteln, Kleidung sowie mit Informationen über die Kriegslage. Ende 1943 organisierten Kurt Horst, Alfred Krapf und Fritz Morgenthum die Flucht von sechs französischen Kriegsgefangenen, die in der Vel-Ma schuften mussten. Die Flucht gelang. Die genannten Antifaschisten beschafften auch Pistolen für die Organisation zum Selbstschutz.
Die Leitung der Widerstandsorganisation organisierte illegale Zusammenkünfte im kleinen Kreis, um Fragen der Strategie und Taktik im illegalen Ringen zu beraten. Diese Treffen, getarnt als Familienfeiern auf dem Laubengrundstück von Hermann Hähnel in Hohen Neuendorf Kr. Oranienburg, dienten der Information und der Diskussion über Nachrichten des Moskauer Rundfunks und des Deutschen Volkssenders.
In einem Schulungsmaterial vom Sommer 1943 betonte Anton Saefkow: „Wir Kommunisten sind bereit mit allen politischen, religiösen und militärischen Gruppen sowie den beruflichen Interessenvertretungen des Mittelstandes und der werktätigen Landbevölkerung zusammenzuarbeiten, soweit sie für die Beseitigung des Hitleregimes eintreten. Die Beendigung des Krieges und der Abschluss eines Friedens, der die politische und wirtschaftliche Selbstständigkeit garantiert, ist neben der restlosen Beseitigung aller faschistischen Staats- und Parteieinrichtungen das Ziel dieser antifaschistischen Zusammenarbeit.“
Die gewaltigen Siege der Roten Armee und die Erfolge der Streitkräfte ihrer Alliierten im Jahr 1943 und im Frühjahr 1944 verursachten eine sich ständig vertiefende militärische, ökonomische und politische Krise des NS-Regimes. Angesichts der Niederlagen an allen Fronten und der andauernden Rückzüge der hohen Menschenverluste, von denen fast jede Familie betroffen war, wuchs in breiten Kreisen des deutschen Volkes die Unzufriedenheit. Es begann ein langwieriger Widerspruchsvoller Prozess des Umdenkens, es drückte die Sorge um die eigene Zukunft. Das faschistische Regime versuchte durch gesteigerte Repressalien den wachsenden Unmut einzudämmen. Von Juli bis September 1943 wurden im Lande ca. 146 000 deutsche und ausländische Antifaschisten verhaftet.
Trotz des wachsenden Terrors dehnte die illegale Organisation unter Leitung von Anton Saefkow, Franz Jacob und Bernhard Bästlein ihr illegales Wirken aus. Immer häufiger kursierten im Raum Berlin-Brandenburg Antikriegsschriften, Flugblätter und Klebezettel. Im Frühjahr 1944 begannen einzelne Zellen der Widerstandsorganisation, sich intensiv auf bewaffnete Aktionen vorzubereiten.
Die gewachsenen Aktivitäten der Widerständler alarmierte die faschistischen Machthaber. Brutaler denn je gingen Gestapo, Polizei und Justiz vor. Am 30. Mai 1944 fiel Bernhard Bästlein bei einer Großfahndung in die Hände der Gestapo. Trotz Folterung erfuhren die Gestapo-Schergen von ihm nichts über die illegale Widerstandsorganisation. Erst nach umfangreichen Recherchen und mit Hilfe des Gestapo-Spitzels Rambo konnte die Gestapo die illegale Organisation eindringen. Am 4. Juli 1944 wurden Anton Saefkow und Franz Jacob verhaftet. In den nachfolgenden Monaten bis zum Frühjahr 1945 erschütterten Verhaftungen und Prozesse vor dem Volksgerichtshof die Widerstandsbewegung. Am 18. September 1944 ermordete das NS-Regime Bernhard Bästlein, Franz Jacob und Anton Saefkow im Zuchthaus Brandenburg-Görden. Ihnen folgten 99 Kampfgefährten im Ringen gegen den deutschen Faschismus, die ihr Leben einsetzten, um mitzuhelfen das Völkermorden zu beenden.

Dr. Günter Wehner

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Brandenburger
Nachrichten in Rot

 

 

Übersehene Rechte
(Potsdam)  Brandenburger Kommunen sehen zu wenig „nach den Rechten“. Wenn Wachschutzfirmen mit der Bewachung öffentlicher Gebäude beauftragt werden, können die Mitarbeiter auf ihre Zuverlässigkeit überprüft werden. Als nicht geeignet gilt, wer Mitglied einer verbotenen Organisation (Partei, Verein) ist oder kürzlich war, sowie wer sich in seinem politischen Wirken gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung richtet.
Den Sicherheitsfirmen sind die Probleme mit den Neonazis bekannt. „Wir wissen, dass die Führungskader einzelner Gruppierungen strategisch vorgehen und gezielt in die Sicherheitswirtschaft streben“, sagt Matthias Schulze, Landesgruppen-Chef des Bundesverbandes der Sicherheitswirtschaft (BDSW). Nur jeder neu eingestellte vierte Mitarbeiter wird überprüft. Die Kommunen behandeln das Problem recht unterschiedlich. Neonazis sind im Sicherheitsdienst keine Ausnahme. Laut Verfassungsschutz arbeitet etwa jeder zehnte der landesweit 1125 bekannten Rechtsextremen im Wachschutz. Als besonders problematisch gilt der Süden Brandenburgs. Örtlich vermengen sich Neonazis, Kampfsportler und Rocker zu einem Milieu, etwa in Cottbus. (MAZ)
Vergessene Kinder
(Frankfurt)  Einsatzkräfte haben in Frankfurt/O. am 11.09. vergessen, nach einem Bombenfund die Kinder eines Hortes zu evakuieren. Eine Erzieherin war mit vier Erstklässlern und einem Drittklässler im Hort, erfuhr von dem Bombenfund zunächst nichts. Erst, als eine Mutter ihr Kind abholen wollte, wurde bekannt, dass sich im Hort noch Personen aufhalten. Die Feuerwehr fuhr dann mit den Eltern zum Hort, um die Kinder und die Erzieherin abzuholen. Angeblich hatten die Verantwortlichen zuvor den für den Hort zuständigen Reinigungsdienst angerufen und von diesem erfahren, dass sich im Hort niemand mehr befinde.
Fehlender Doktor
(Rathenow)  Die Rathenower Herzsportgruppe haben auf dem Gesundheitstag demonstriert. Sie machten aus Verzweiflung auf ihr Problem aufmerksam. In der Herzsportgruppe trainieren rund 40 Menschen mit Herz-Kreislauf-Problemen. Um unvorhergesehenen Problemen vorzubeugen, muss beim Training ein Arzt anwesend sein. Eine ehrenamtliche Tätigkeit. Der jetzt betreuende Arzt muss das Ehrenamt nach 13 Jahren aufgeben. Bereits im Juni hatten die Sportler in dieser Zeitung auf ihr Problem aufmerksam gemacht, nachdem es ihnen trotz vielfältigster Bemühungen nicht gelungen war, einen neuen Arzt zu finden. Selbst die Havelland-Klinken und das Gesundheitsamt des Kreises hatten eingeräumt, nicht helfen zu können: Wenn sich kein Arzt freiwillig melde, könne niemand verpflichtet werden. Auf dem Gesundheitstag haben die Sportler viel Verständnis und Mitgefühl geerntet. Aber eine Lösung des Problems gab es nicht. Fragt sich, warum eine solch wichtige Tätigkeit für die Gesundheit von kranken Menschen nicht von den Krankenkassen bezahlt wird und z.B. von Klinikärzten geleistet werden kann.
Wachsende Aktenberge
(Neuruppin) Der Berg an nicht erledigten Verfahren am Sozialgericht Neuruppin wächst. Zum 30. Juni stieg die Zahl der offenen Verfahren auf 6527. Zum Vergleich: Ende 2010 waren es 4859 offene Fälle. Bei etwa zwei Drittel der Fälle handelt es sich um Klagen von Hartz-Betroffenen, die oft jahrelang auf eine Entscheidung warten müssen.
Um den Verfahrensberg abbauen zu können, benötigt das Gericht zusätzliches Personal. Das Justizministerium hat zwar angekündigt, zum Oktober sechs neue Richter für die vier Sozialgerichte im Land einzustellen. Aber ob das Gericht in Neuruppin eine zusätzliche Kraft erhält oder mehr, das ist offen.
Am Neuruppiner Sozialgericht arbeiten seit Mai 14 Richter. Gerechnet auf die Zahl der Eingänge kommen auf jeden Sozialrichter in Neuruppin fast 500 Verfahren im Jahr – zu schaffen sind höchstens 350. „Wir bräuchten zehn zusätzliche Richter, um in zwei Jahren alle Altfälle zu erledigen“, sagte Sebastian Lehmann, Sprecher des Sozialgerichtes Neuruppin. (MAZ)Bei dieser Rechnung sind aber alle neu eingehenden Verfahren noch nicht berücksichtigt.

 

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Ihr Kampf ist uns Mahnung und Verpflichtung

 

 

Das diesjährige Gedenken zu Ehren der Berliner Antifaschisten die sich im August 1941 im Waldstück Gamengrund, nahe der Brandenburger Ortschaft Tiefensee, versammelten fand im Zeichen des 70. Jahrestages der Ermordung von Ernst Thälmann und des Kampfes gegen Faschismus und Krieg statt.
Genosse Professor Dr, Erich Kundel würdigte den mutigen Kampf dieser Antifaschisten und informierte über neuere Tatsachen und Erkenntnisse zum damaligen Treffen. Überzeugend zeigte er Ursachen und Lehren aus beiden imperialistischen Weltkriegen und den Kriegen der Gegenwart auf.
Die Strausberger Genossen gratulierten Brigitte Müller als Kandidatin zur Landtagswahl und überreichten ihr den Entwurf einer Broschüre über das Denkmal zu Ehren der Antifaschisten im Gamengrund.
Die Teilnehmer bekundeten ihren festen Willen, noch wirksamer die politische Aufklärungsarbeit fortzusetzen und besonders junge Menschen für den Widerstand gegen eine Politik und gegen gesellschaftliche Verhältnisse zu gewinnen die Faschismus, Militarismus und Krieg verursachen und begünstigen.

Grundorganisation Strausberg

 

 

 

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crossing the river

von VictorGrossmann

 

 

1952 überquerte der in Bayern stationierte US-Soldat Stephen Wechsler die Donau, um in den sowjetischen Sektor Österreichs zu gelangen. Ein Einschreiben der amerikanischen Militärpolizei zwang ihn zu schnellem Handeln; denn er hatte vor seiner Einberufung zum Armeedienst verschwiegen, daß er Mitglied der kommunistischen Partei war. – Und das während der „McCarthy-Ära“, in der Kommunismus als Verbrechen galt! Nach gelungener Flucht und mehreren Verhandlungen brachte man ihn in die Deutsche Demokratische Republik. „Um seine Familie in den USA vor Repressalien zu schützen“ und zu seiner eigenen Sicherheit, bekam er den Namen Victor Grossman.
Bis 1954 lebte Grossman in Bautzen in einem offenen Lager für westliche Deserteure, von denen die wenigsten aus politischen Gründen gekommen waren. Dennoch erhielt jeder die Chance, im sozialistischen Teil Deutschlands Fuß zu fassen. Dazu gehörte, daß alle einen Beruf lernten. Grossman begann als Transportarbeiter, Dreher, wurde schließlich Leiter des neugegründeten Kulturklubs für die etwa 30 ausländischen Deserteure. Es folgte ein Studium der Journalistik in Leipzig. „Danach arbeitete er beim englischsprachigen German Democratic Report, später bei Radio Berlin International“, war Leiter des Paul-Robeson-Archivs und rief die Ostberliner Hootenanny ins Leben. Victor Grossman organisierte wunderbare Konzerte – z.B. mit Perry Friedman oder Pete Seeger. Die in der Biographie geschilderten Begegnungen mit Künstlern und anderen Persönlichkeiten gehören zu meinen schönsten Leseerlebnissen. Seine Fähigkeit, Menschen aus ihren Reaktionen zu erfassen, erinnert mich an die großen Humoristen der Weltliteratur.
Seit 1968 arbeitete Grossman als freischaffender Journalist, Übersetzer und Dolmetscher. Sein Beruf brachte ihn mit vielen Menschen aus den verschiedensten Bereichen und Schichten zusammen. Eine Zeitlang reiste er durch die DDR, um Arbeitern das Land seiner Herkunft kritisch nahezubringen. Nach seinen Vorträgen wurde viel und offen diskutiert. Grossman besitzt die Gabe, Menschen zu freier Meinungsäußerung zu ermutigen. Er bemühte sich, „Klischees und abgedroschene Formeln zu vermeiden, unterstrich aber die historische Rolle der DDR gegen den deutschen Expansionsdrang.“ Das galt auch für seine Englischkurse in der Akademie der Wissenschaften (1700 durch Leibniz ins Leben gerufen und nach dem Anschluß der DDR geschlossen!). Obwohl Grossman in der Biographie Fehlentwicklungen und Schwächen des realen Sozialismus zur Sprache bringt, gewinnt der Leser dennoch ein positives Bild von der DDR, im Vergleich zu der kapitalistischen BRD. Victor Grossman war ein Unbequemer. Weil ihm der Sozialismus so sehr am Herzen lag, brachte er immer wieder Verbesserungsvorschläge ein, wie z.B. günstigere Anfangsszeiten für Schichtarbeiter. Leider fanden seine Ideen nur selten die ihnen gebührende Anerkennung. „Der Riß zwischen oben und unten“ gehörte seiner Meinung nach zu den grundlegenden Fehlentwicklungen.
Das Buch eröffnet dem Leser einen breiten Raum für Vergleiche zwischen den politischen Systemen und Epochen, es gibt ein differenziertes Bild von den linken Bewegungen in den USA der vierziger und fünfziger Jahre. Welche Einflüsse haben Stephen Wechsler zu dem Menschen, Sozialisten, Humanisten und Antifaschisten werden lassen? Seine Eltern „waren, wie viele Amerikaner nach der großen Krise, links eingestellt, besonders in New York City“, wo Victor Grossman 1928 das Licht der Welt erblickte. Seine Großeltern waren jüdische Einwanderer aus dem Baltikum, die sich vor den zunehmenden Pogromen gegen Juden und anderen Unmenschlichkeiten des Zarenreiches schützen wollten.
Seine erste Biographie „Über die Grenze“ erschien bereits 1985 in der DDR. Nach fast dreißig Jahren, nach dem Ende des Sozialismus in Europa ist mit „crossing the river“ natürlich mehr als eine erweiterte Auflage entstanden. Ein Lebenswerk, ein persönliches und politisches Resume. Die Grenzüberschreitung ist Metapher geworden sowohl für sein Leben, seine Herkunft, als auch für geschichtliche Entwicklungen. Die beiden Titel beziehen sich aufeinander. Mit dem zweiten spannt Grossman den Bogen zu seiner amerikanischen Heimat und weist auf einen permanenten Prozeß des Überschreitens hin, ohne den weder persönliche noch gesellschaftliche Veränderungen möglich werden können. Die Geschichte von unten ist noch nicht zu Ende geschrieben. So verstehe ich „crossing the river“. Ich danke Victor Grossman, dem unermüdlichen Kämpfer für Sozialismus, Frieden und Antifaschismus, für dieses wunderbare Buch!

Ulla Ermen

VictorGrossman

Crossing theriver

Verlag WiljoHeinen

Berlin und Böklund 2014

675 Seiten – Preis 24,80 EURO

 

 

 

 

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