R wie Revolution, soziale

Tunia Er veröffentlichte auf ihrer Facebookseite einen Artikel von Georg Dorn. Der ist so zutreffend, dass wir ihn übernehmen.

Hört der brave Mittelstandsbürger den Ruf „Revolution“, läuft es ihm eiskalt den Buckel runter. Eigentlich möchte er sich ja von dem Druck der „Großen“ befreien, aber Revolution?? Das ist ihm doch zu unkalkulierbar. Wer hat denn da die Macht? Und das Chaos, das da entstehen kann und womöglich auch noch Gewalt, Diktatur. Wo bleibt denn da die „Freiheit“ des Bürgers? Und da die Medien dieses ganze Bild noch besonders grauselig schildern, wird ihm alles, was mit „Revolution“ benannt ist, sehr ungeheuer. Manchmal dreht sich die Sache allerdings auch um. Da gab es doch vor rund 20 Jahren in Deutschland die „Vereinigung“, was die einen „Wende“, die anderen „friedliche Revolution“ und noch andere „Konterrevolution“ benennen. Was war’s denn nun wirklich? Aus der Geschichte hat man auch schon von der industriellen Revolution gehört und aus der Wirtschaft von wissenschaftlich-technischer Revolution…..?
Was versteht die marxistisch-leninistische Gesellschaftswissenschaft unter sozialer Revolution?
Aus den Betrachtungen zur Philosophie wissen wir bereits, dass quantitative Veränderungen innerhalb einer Grundqualität als Evolution (s. dort) und der Sprung in eine neue Qualität als Revolution bezeichnet werden (vgl. Dialektik von Quantität und Qualität), dass Bewegung (s. dort) also kontinuierlich und diskontinuierlich zugleich verläuft. Diese Gesetzmäßigkeit lässt sich in allen materiellen und ideellen Erscheinungen nachweisen. Bezogen auf die menschliche Gesellschaft und ihre Geschichte sprechen wir von „sozialen“ Revolutionen, wenn in grundlegenden gesellschaftlichen Umwälzungen (Qualitätssprüngen) die Herrschaft einer Klasse durch die Herrschaft einer anderen Klasse ersetzt wird und dadurch insgesamt ein gesellschaftlicher Fortschritt erreicht wird. Soziale Revolutionen sind also ein Entwicklungsprodukt der Klassengesellschaft. Karl Marx schließt seine Schrift „Das Elend der Philosophie“ mit der Feststellung: „Nur bei einer Ordnung der Dinge, wo es keine Klassen und keinen Klassengegensatz gibt, werden die gesellschaftlichen Evolutionen aufhören, politische Revolutionen zu sein.“ (MEW, Bd. 4, S. 182)
Soziale Revolutionen sind demnach notwendige (gesetzmäßige) gesellschaftliche Ereignisse, die durch drei wesentliche Merkmale gekennzeichnet sind:
1. Die Herrschaft einer Klasse wird gebrochen und durch die Herrschaft einer anderen Klasse ersetzt, was
2. die soziale Struktur der bisherigen Klassengesellschaft überwindet und eine neue soziale Struktur erzeugt, die den Bedürfnissen der neuen herrschenden Klasse entspricht, wodurch
3. eine historisch neue gesellschaftliche Ordnung – gestützt auf die geschichtsbildende Rolle der Volksmassen – mit progressiver Veränderung aller sozialen Beziehungen entsteht.
Daraus ergibt sich, dass die eingangs erwähnte sogenannte „Wende“ in Deutschland, die die sozialistische Ordnung in einem Teil Deutschlands zerstörte, keineswegs eine Revolution war. Es vollzog sich zwar ein Machtwechsel der Klassen, aber nicht in historisch progressiver, sondern umgekehrt in historisch regressiver Zielrichtung, war also eine Konter(Gegen)revolution. Und dass sie friedlich verlief ist nicht der abermals herrschenden Ausbeuterklasse zu danken, sondern der Tatsache, dass sich die Arbeiterklasse und die Volksmassen nahezu widerstandslos die politische Macht aus den Händen nehmen ließen. Die Ursachen hierfür können nicht Gegenstand dieses Themas sein.
Grundtypen sozialer Revolutionen
So belastend die vorgenannte aktuelle gesellschaftliche Situation für die heutige Generation in Deutschland auch sein mag, so wenig ist sie historisch einmalig. Die bürgerlichen Revolutionen zum Übergang vom Feudalismus in den Kapitalismus erlitten in ihrer Gesamtentwicklung in vielen Ländern nicht wenige Niederlagen und umfassten mehr als drei Jahrhunderte. Aus historisch belegtem Grund kann man feststellen, dass soziale Revolutionen ganze historische Epochen umfassen. Abhängig von den die jeweilige historische Bewegung beherrschenden Klassenkräften und Zielen großer gesellschaftlicher Umwälzungen kann man mehrere Grundtypen sozialer Revolutionen unterscheiden.
1. Klassische bürgerliche Revolutionen in denen die Bourgeoisie, noch eine sich entwickelnde und historisch aufsteigende Klasse, um die Beseitigung der feudalen Enge kämpfte; z.B. die Glorious Revolution in England (1688/89) oder die Große Französische Revolution (1789)
2. Bürgerlich-demokratische Revolutionen, in denen zwar die Bourgeoisie noch immer revolutionäre Hauptkraft ist, aber die Arbeiterklasse schon mehr oder weniger organisiert ihre demokratischen Forderungen stellt, z.B. die Revolutionen von 1848/49 in mehreren Ländern Europas, auch in Deutschland (Bund der Kommunisten, Neue Rheinische Zeitung)
3. Antiimperialistisch-demokratische Revolutionen, in denen die Arbeiterklasse als revolutionäre Hauptkraft an der Spitze der Volksmassen gegen die Allmacht der Monopole und um die uneingeschränkte Durchsetzung der Demokratie kämpft und die oft bis dicht an die sozialistische Revolution heranführt, z.B. die Februarrevolution (1917) in Russland oder die antifaschistisch-demokratische Umwälzung in der sowjetischen Besatzungszone Deutschlands nach 1945
4. Nationaldemokratische (antikoloniale) Revolutionen (Befreiungsbewegungen) vor allem nach dem 2. Weltkrieg (Asien, Afrika, Naher Osten), in denen die nationale Bourgeoisie im Bündnis mit breiten Volksmassen um nationale Unabhängigkeit kämpft mit allerdings historisch bedingten sehr unterschiedlichen Ergebnissen, z.B. der „Lange Marsch“ der chinesischen Volksbefreiungsarmee (1934/35) bis zur Errichtung des Volksrepublik (1949)
5. Sozialistische Revolutionen (ist spezieller Gegenstand des nachfolgenden Themas), z.B. Pariser Kommune (1871), Große Sozialistische Oktoberrevolution in Russland (1917)
Kann man soziale Revolutionen „machen“?
Wie wir bereits bei anderen Themen feststellten, ist Geschichte kein willkürlicher Prozess, abhängig von den Launen oder subjektiven Meinungen dieser oder jener Personen oder Personengruppen (Klassen), sondern ein Prozess, der – wie die Natur – objektiven Gesetzen unterliegt (vgl. Gesetz). Niemand, auch keine Partei oder Organisation, kann (aus welchen Erwägungen auch immer) „Revolution machen“. Dazu bedarf es aus dem gesellschaftlichen Bewegungsprozess erwachsender objektiver Voraussetzungen (Ursachen) und subjektiver Bedingungen, die zu einer revolutionären Situation führen.
Bereits in einer Frühschrift zum „Kapital“ – „Zur Kritik der politischen Ökonomie“ – deckte Karl Marx die bestimmende Ursache (objektiver Faktor) sozialer Revolutionen auf: „Auf einer gewissen Stufe ihrer Entwicklung geraten die materiellen Produktivkräfte der Gesellschaft in Widerspruch mit den vorhandenen Produktionsverhältnissen oder,…mit den Eigentumsverhältnissen, innerhalb deren sie sich bisher bewegt hatten. Aus Entwicklungsformen der Produktivkräfte schlagen diese Verhältnisse in Fesseln derselben um. Es tritt dann eine Epoche sozialer Revolution ein.“ (MEW, Bd. 13, S. 9)(vgl. Dialektik von PK, PV, Pw). Die kontinuierliche, also evolutionäre Entwicklung der Pk innerhalb einer Pw entfaltet „jene zahlreichen Widersprüche,“ (zu den Pv G.D.) „die sich in den Perioden der sogenannten friedlichen Entwicklung langsam anhäufen“ (Lenin, Werke Bd. 13, S. 24) und die nur in der sozialen Revolution gelöst werden können (Gesetz der Übereinstimmung der PV mit dem Entwicklungsstand der Pk). Ganz aktuell: Der hochentwickelte Kapitalismus/Imperialismus steht hinsichtlich seiner Pk-Entwicklung in einem zugespitzten Widerspruch zu den alten kapitalistischen PV und ist deshalb überreif zur revolutionären Überwindung, gegen die sich die Bourgeoisie mit allen Mittel ihrer Macht und Gewalt (von der Gesetzgebung bis zum Krieg und Bürgerkrieg) stemmt. Deshalb reicht die Entfaltung dieses objektiven Faktors, der die soziale Revolution auf die Tagesordnung der Geschichte setzt, allein nicht aus.
Dazu bedarf es einer revolutionären Situation durch die Entwicklung des subjektiven Faktors in Gestalt der politischen Bewusstheit und Organisiertheit der Massen, besonders der revolutionären Klasse, was sich in zunehmenden Protesten, Massenbewegungen, wachsender politischer Aktivität äußert. „Erst dann, wenn die ‚Unterschichten‘ das Alte nicht mehr wollen und die ‚Oberschichten‘ in der alten Weise nicht mehr können, erst dann kann die Revolution siegen. Mit anderen Worten kann man diese Wahrheit so ausdrücken: die Revolution ist unmöglich ohne eine gesamtnationale (Ausgebeutete wie Ausbeuter erfassende) Krise.“ (Lenin, Bd. 31, S. 71) Mit dieser Feststellung wandte sich Lenin entschieden gegen linkradikale, sektiererische Auffassungen, die meinten, mit revolutionärer Ungeduld eine Revolution auslösen zu können und bezeichnete sie mit Recht als politisches Abenteuertum, dass den notwendigen revolutionären Prozess nicht nur nicht beschleunigt, sondern sogar aufhält. Nur die Entwicklung der Einheit von objektivem und subjektivem Faktor führt zu jener revolutionären Situation, die Voraussetzung für ihren möglichen Erfolg ist. Und wieder aktuell: So ausgereift die objektiven Voraussetzungen zu einer grundlegenden Umwälzung in den meisten europäischen Staaten auch sind, so unausgereift ist derzeit der subjektive Faktor. Weitgehende soziale Fragmentierung der Volksmassen, die Zersplitterung der kommunistischen Bewegung in der EU, die Wirkungen der Massenmanipulierung und nicht zuletzt die aus der Niederlage des europäischen Sozialismus erwachsenen Zweifel am möglichen Erfolg müssen überwunden werden, um erneut eine revolutionäre Situation heranwachsen zu lassen. Das ist die derzeit wichtigste Aufgabe aller nationalen kommunistischen Parteien in ihren Ländern.
Zur Rolle der Gewalt in der sozialen Revolution
Karl Marx hatte in seinem „Kapital“ (1) im Kapitel 24 über die ursprüngliche Akkumulation des Kapitals geschrieben, dass Gewalt „der Geburtshelfer jeder alten Gesellschaft (sei), die mit einer neuen schwanger geht“. (MEW, Bd. 23, S. 779). Dabei wurde meist übersehen, dass Marx hier die ökonomische Gewalt der aufsteigenden Bourgeoisie gegenüber kolonial unterdrückten Völkern benannte und ihm unterstellt, dass der Marxismus grundsätzlich eine Gewaltherrschaft errichten wolle. Dem widersprach Lenin entschieden mit seiner Feststellung, dass „Gewalt gegen Menschen nicht unserem Ideal entspricht“, (Werke, Bd. 23, S. 64) und an anderer Stelle: „Sozialismus ist überhaupt gegen die Gewaltanwendung“. (Bd. 28, S. 285)
Nun weiß jeder einigermaßen erfahrene Mensch, dass in den Klassenauseinandersetzungen die herrschende Klasse mit allen ihren Machtmitteln – von der Gesetzgebung bis zu bewaffneter Gewalt – ihren Willen anderen Klassen aufzwingen will. In diesem Sinne ist auch Gewaltanwendung von Staaten gegen andere Staaten letztlich Gewaltanwendung von Klassen zu Klassen. Also kann man Gewalt nur mit Gewalt brechen. Die Große Sozialistische Oktoberrevolution war ursprünglich eine der unblutigsten Revolutionen der Weltgeschichte überhaupt. Die Schüsse der Aurora trugen im wahrsten Sinne des Wortes ausschließlich symbolische Bedeutung. Blutig wurde die Revolution erst, als sich die Konterrevolution mit der Intervention von 14 imperialistischen Staaten (darunter auch Deutschland) verbündete, um die Sowjetmacht militärisch zu zerschlagen. Dieser Gewalt musste zwangsläufig mit revolutionärer Gewalt in einem Bürgerkrieg begegnet werden, den nicht die Sowjetmacht, sondern die Konterrevolution und Intervention zu verantworten hatte. Schon während dieser schweren militärischen Auseinandersetzungen betonte Lenin in einer Rede am 18. März 1919: „Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass die revolutionäre Gewalt nur in bestimmten Entwicklungsetappen der Revolution, nur unter bestimmten und besonderen Bedingungen eine notwendige und gesetzmäßige Methode der Revolution war, während die Organisation der proletarischen Massen, die Organisation der Werktätigen ein viel wesentlicheres, ständiges Merkmal dieser Revolution und Voraussetzung ihrer Siege war und bleibt. Eben in dieser Organisation von Millionen Werktätigen liegen die besten Entwicklungsbedingungen der Revolution, liegt die unerschöpfliche Quelle ihrer Siege.“ (Lenin, Bd. 29, S. 74)

Georg Dorn
(08. 06. 2011)

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*


Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden .