R wie Revolution, sozialistische

Tunia Er veröffentlichte auf ihrer Facebookseite einen Artikel von Georg Dorn. Der ist so zutreffend, dass wir ihn übernehmen. Hier zur sozialistischen Revolution.

Dieser Beitrag ist eine unmittelbare Fortsetzung des vorangegangenen (R wie soziale Revolution). Die dort getroffenen Darlegungen und dabei genannten Verweise auf andere Texte werden hier vorausgesetzt und nicht wiederholt. Diese Abtrennung vom Gesamtthema „Revolution“ mag verwundern, aber das hat mehrere Gründe: Einerseits steht für eine große Mehrzahl von Staaten aller Kontinente aus objektiven Gründen die Notwendigkeit sozialistischer Revolutionen auf der Tagesordnung der Geschichte. Andererseits gibt es bereits trotz empfindlicher Rückschläge und Niederlagen in der internationalen Systemauseinandersetzung umfangreiche Erfahrungen in Europa, Asien und Lateinamerika hinsichtlich der Besonderheiten sozialistischer Revolutionen. Schließlich – und das ist der Hauptgrund – unterscheiden sich sozialistische Revolutionen in ihrem Wesen grundsätzlich von anderen sozialen Revolutionen, was einer spezifischen Betrachtung bedarf.
Zum Wesen sozialistischer (proletarischer) Revolutionen
Wie bereits festgestellt, erwachsen Revolutionen objektiv aus dem sich zuspitzenden Widerspruch zwischen den sich entwickelnden Produktivkräften (Pk) und den beharrenden Produktionsverhältnissen (Pv), dessen Lösung in den klassengespaltenen Gesellschaften nur auf revolutionärem Wege möglich ist, was allerdings die Herausbildung einer revolutionären Situation (subjektiver Faktor) voraussetzt. In allen bisherigen sozialen Revolutionen, gleich welcher Art oder welches Typs (mit Ausnahme der bisherigen sozialistischen Revolutionen), ging es letztlich immer nur um historische Fortschritte in der Entfaltung der Ausbeutergesellschaften. In den bürgerlichen Revolutionen der verschiedensten Art verdrängte die Bourgeoisie als Ausbeuterklasse die bisher herrschende Feudalklasse aus der Macht ohne dabei das Verhältnis der Ausbeutung zu beseitigen, sondern mit der neuen kapitalistischen Produktionsweise (Pw) nur auf eine höhere Ausbeutungsstufe zu heben (vgl. Ausbeutung). Insofern – und nur insofern – hat die Bourgeoisie in der Geschichte zweifellos eine progressive Rolle gespielt, aber zugleich Bedingungen erzeugt, in dem der Grad der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen in immer schnellerem Tempo und größerem Umfang wuchs.
Sozialistische Revolutionen dagegen haben das Ziel, die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen vollständig und für immer zu überwinden, d.h. eine von Ausbeutung freie Gesellschaft aufzubauen, die es vorher noch nie (von der Urgesellschaft abgesehen) gab (vgl. Negation der Negation), eine Gesellschaft also, von der Engels sinngemäß schrieb, dass mit ihr die eigentliche Geschichte der Menschheit erst beginnt, weil sie die Voraussetzungen für die gesellschaftliche Entwicklung der Menschheit zur klassenlosen (kommunistischen) Gesellschaft hervorbringt.
Die Notwendigkeit der sozialistischen Revolution ist nicht Utopie oder willkürliches Wunschdenken, sondern Ergebnis der wissenschaftlichen Analyse des Geschichtsprozesses und der Aufdeckung der in ihm wirkenden objektiven Gesetzmäßigkeiten durch Karl Marx und Friedrich Engels (vgl. Gesellschaftswissenschaft, Gesetz). Sie bewiesen zugleich, dass in diesen Revolutionen das Proletariat (vgl. Arbeiterklasse) die den Charakter der Revolution bestimmende Hauptkraft ist. Dass dabei Marx und Engels von der Annahme einer proletarischen Weltrevolution ausgingen, entsprach dem frühen und dennoch mehr oder weniger vollendeten Entwicklungsstand des Kapitalismus ihrer Zeit in den europäischen Industrienationen. Diese Erkenntnis ist im übrigen insofern auch heute voll zutreffend, als es keinen Kontinent, kein Land geben wird, dass diesen notwendigen historischen Prozess umgehen und eine Art Naturschutzpark für Noch-Kapitalismus erhalten könnte. Dass dabei die Entwicklung in den verschiedensten Ländern und auf den verschiedenen Kontinenten hinsichtlich Umfang, Tempo und Erscheinungsformen höchst unterschiedlich verläuft, bewirkt naturgemäß, dass die sozialistischen Revolutionen durchaus unterschiedlich in ihren Formen und deshalb auch zu unterschiedlichen Zeiten verlaufen. In dieser Hinsicht die marxistische Revolutionstheorie weiterentwickelt und in der Praxis bewiesen zu haben, ist das historische und wissenschaftliche Verdienst Lenins.
Lenin bewies, dass der Sieg des Sozialismus zunächst in einem oder einigen Ländern möglich ist, auch bei noch Weiterexistenz des Imperialismus in der übrigen Welt, dass diese sozialistischen Revolutionen nicht unbedingt in den fortgeschrittensten imperialistischen Ländern, sondern eher an der Peripherie der imperialistischen Welt, wo die sozialen Widersprüche am schärfsten zutage treten, beginnen werden und dass schließlich die bürgerlich-demokratischen Revolutionen direkt und unmittelbar in die sozialistischen Revolutionen und deren Ziel- und Aufgabenstellungen hinüber geleitet werden können und – wo entsprechende Bedingungen existieren – müssen. Anlässlich des vierten Jahrestages der Oktoberrevolution schrieb Lenin in einem analytisch wertenden Artikel in der Prawda (Hervorhebungen alle vom Autor):
„Wir haben die bürgerlich-demokratische Revolution zu Ende geführt wie niemand sonst. Wir marschieren ganz bewusst, sicher und unbeirrt vorwärts, zur sozialistischen Revolution, in dem Bewusstsein, dass sie nicht durch eine chinesische Mauer von der bürgerlich-demokratischen Revolution getrennt ist.…Man nehme die Religion oder die Rechtlosigkeit der Frau oder die Unterdrückung und Nichtgleichberechtigung der nichtrussischen Nationalitäten. All dies sind Fragen der bürgerlich-demokratischen Revolution….Es gibt unter den fortgeschrittensten Ländern der Welt kein einziges, wo diese Fragen in bürgerlich-demokratischer Richtung vollständig gelöst wären.…Um die Errungenschaften der bürgerlich-demokratischen Revolution zum festen Besitz der Völker Russlands zu machen, mussten wir weiter vormarschieren, und wir sind weiter vormarschiert. Wir haben die Fragen der bürgerlich-demokratischen Revolution während des Vorrückens, im Vorbeigehen, als ‚Nebenprodukt‘ unserer hauptsächlichen und eigentlichen, unserer proletarisch-revolutionären, sozialistischen Arbeit gelöst.“ (Werke, Bd. 33, S. 31 ff)
Allgemeine Gesetzmäßigkeiten der sozialistischen (proletarischen) Revolutionen
Nach dem 2. Weltkrieg entstand eine ganze Gemeinschaft sozialistischer Staaten in Europa, in Kuba, Vietnam, VDR Korea und China. So unterschiedlich all diese revolutionären Prozesse waren, haben sie doch weitgehend übereinstimmende allgemeine Gesetzmäßigkeiten hinterlassen. Ich zitiere sie (in verkürzter Form) aus dem Philosophischen Wörterbuch, Bd. 2, S. 953:
1. Führung der werktätigen Massen durch die Arbeiterklasse sowie Führung der Arbeiterklasse und damit der gesamten Gesellschaft durch die marxistisch-leninistische Partei, die ihre leitende Rolle in bezug auf alle revolutionären Veränderungsprozesse sichern und ständig weiter ausbauen muss;
2. Zerschlagung des kapitalistischen Staatsapparates und Errichtung des Staates der Diktatur des Proletariats in dieser oder jener Form bei ständiger Festigung der sozialistischen Demokratie;
3. Ständige Festigung und Entwicklung des Bündnisses der Arbeiterklasse mit allen Werktätigen, insbes. mit den Hauptmassen der Bauernschaft und mit der Intelligenz;
4. Beseitigung des kapitalistischen Eigentums und Herstellung des gesellschaftlichen Eigentums an den wichtigsten Produktionsmitteln; allmähliche sozialistische Umgestaltung der Landwirtschaft;
5. Schaffung und Entwicklung des ökonomischen Systems des Sozialismus nach den Prinzipien des demokratischen Zentralismus durch den Aufbau eines wissenschaftlichen Systems der Planung und Leitung der Volkswirtschaft, gerichtet auf eine umfassende Entwicklung der sozialistischen Produktionsweise und auf die Hebung des Lebensstandards aller Werktätigen;
6. Maximale Entwicklung der Produktivkräfte , der Arbeitsproduktivität auf dem Weg der planmäßigen Verwirklichung der wissenschaftlich-technischen Revolution zur sozialistischen Umgestaltung der gesamten Volkswirtschaft;
7. Verwirklichung der sozialistischen Revolution auf dem Gebiet der Ideologie und Kultur, Entwicklung eines umfassenden sozialistischen Bildungssystems, Einsatz aller Mittel der Bildung und Kultur gegen alle Schattierungen imperialistischer, bürgerlicher und kleinbürgerlicher Ideologie zur Entwicklung des sozialistischen Bewusstseins der Massen des werktätigen Volkes;
8. Beseitigung der nationalen Unterdrückung, Herstellung der Gleichberechtigung der Nationen, Zusammenarbeit zwischen den sozialistischen Völkern und Staaten entsprechend den Prinzipien eines sozialistischen Internationalismus und dessen ständige Vervollkommnung und Weiterentwicklung;
9. Schutz der sozialistischen Errungenschaften jedes sozialistischen Landes und der sozialistischen Staaten- und Völkergemeinschaft gegen konterrevolutionäre innere und äußere Feinde, Entlarvung und Vereitelung aggressiver imperialistischer Anschläge, darunter der ideologischen Diversion;
10. Solidarität der Arbeiterklasse und der Werktätigen der sozialistischen Länder untereinander sowie Solidarität gegenüber der internationalen Arbeiterklasse und gegenüber den um ihre Befreiung kämpfenden Völkern.
„Na und?“, so wird nun vielleicht mancher fragen, „das mag ja alles stimmen. Warum dann aber diese Niederlage des europäischen Sozialismus nach Jahrzehnten erfolgreichen Aufbaus?“
Diese Frage kann ich hier summarisch nicht beantworten. Dafür gibt es tiefgreifende innere und äußere Ursachen, die zu analysieren auch nicht das Werk eines Einzelnen sein kann, sondern von marxistisch-leninistisch gebildeten und erfahrenen Gesellschaftswissenschaftlern gemeinsam erarbeitet werden muss.
Ich sehe das so: Mit dem Sieg der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution wurde eine neue historische Epoche in der Geschichte der Menschheit eingeleitet, die Epoche des Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus. Noch nicht einmal ein Jahrhundert ist diese Epoche alt. Was sind da acht oder neun Jahrzehnte gegen ein Jahrtausendwerk, vor dem die gesamte Menschheit steht, wenn sie nicht untergehen will? Ich halte es auch für müßig, darüber zu streiten, welchen der Ursachen, den inneren oder den äußeren, die Priorität zuzuschreiben wäre. Ja, unsere Niederlage ist bitter, am schwersten für die zu ertragen, die Jahrzehnte ihres Lebens für diese neue Gesellschaft gekämpft und gearbeitet haben, auch für mich. Der Klassenfeind war noch stärker und wir haben in unserem sozialistischen Aufbau Fehler begangen, auch unverzeihliche. Aber die Geschichte geht weiter. Der heutige Imperialismus taumelt von einer Krise in die nächste. Die sozialen Widersprüche spitzen sich weltweit immer heftiger zu. Ganze Staaten stehen vor der Pleite. Zugleich wachsen revolutionär demokratische Bewegungen auf allen Kontinenten, in jedem der betroffenen Länder mit ganz spezifischen Zielen und Erscheinungsformen. Niemand kann heute voraussehen, welches konkrete Ergebnis z.B. die Massenbewegungen in verschiedenen Ländern Lateinamerikas oder des arabischen Nordens in Afrika (von den Letzteren manche konterrevolutionär gesteuert durch die gegenwärtigen imperialistischen Weltmächte) erreichen werden. Ich bin fest davon überzeugt, dass August Bebels Ruf – „Den Sozialismus in seinem Lauf, hält weder Ochs noch Esel auf!“ – die historische Zukunft bestimmen wird. Und was unsere Irrtümer und Fehler betrifft, da halte ich es mit Lenin in dem schon oben zitierten Artikel:
„Mögen uns die Hunde und Schweine der sterbenden Bourgeoisie und der ihr hinterhertrottenden kleinbürgerlichen Demokratie mit einem Schwall von Flüchen, Beschimpfungen und Verhöhnungen wegen unserer Misserfolge und Fehler beim Aufbau unserer Sowjetordnung überschütten. Wir vergessen keinen Augenblick, dass bei uns wirklich viele Misserfolge vorgekommen sind und Fehler gemacht werden. Als ob es bei einem so neuen, für die ganze Weltgeschichte neuen Werk wie die Schaffung eines noch nie dagewesenen Typus der Staatsordnung ohne Misserfolge und Fehler abgehen könnte! Wir werden unbeirrt kämpfen für die Korrektur unserer Misserfolge und Fehler….Aber wir können mit Recht stolz darauf sein und sind stolz darauf, dass uns das Glück zuteil geworden ist, den Aufbau des Sowjetstaates zu beginnen und damit eine neue Epoche der Weltgeschichte einzuleiten, die Epoche der Herrschaft der neuen Klasse, die in allen kapitalistischen Ländern unterdrückt ist und die überall zu neuem Leben, zum Sieg über die Bourgeoisie, zur Diktatur des Proletariats, zur Erlösung der Menschheit vom Joch des Kapitals, von den imperialistischen Kriegen vorwärtsschreitet.“ (a.a.O., S. 35)
Wie aktuell!!
Georg Dorn (12. 06. 2011 – in der DDR der „Tag des Lehrers“)

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