Tage der Novemberrevolution 1918/19 in der Provinz Brandenburg

Eine nicht unwesentliche Rolle in den Antikriegsaktionen am Vorabend der Novemberrevolution übernahm die oppositionelle sozialistische Arbeiterjugend. So organisierte der von der Spartakusgruppe angeleitete Berliner Jugendbildungsverein anlässlich des 100. Geburtstages von Karl Marx im Wald bei Stolpe, einem Dorf im Kreis Niederbarnim, bei Berlin, eine illegale Gedenkkundgebung. Über 2000 Jugendliche aus dem ganzen Land beteiligten sich an dieser Antikriegskundgebung. Fritz Globig rief in seiner Ansprache die Kundgebungsteilnehmer auf, dem Beispiel der russischen Revolutionäre zu folgen.

Infolge der militärischen Rückschläge an , der Westfront im Jahr 1918 entwickelte sich die Kriegsmüdigkeit in Deutschland rasant. Massenaktionen gegen den sinnlosen Krieg ließen sich kaum noch aufhalten. So berichtet die Polizeiverwaltung von Brandenburg/Havel am 1. Oktober 1918 an den Regierungspräsidenten in Potsdam: „Die Stimmung ist sehr gedrückt. Die Ernährungsnöte in unserer Industriestadt lasten schwer auf der Bevölkerung, die überwiegend aus Arbeitern besteht. Unter den Arbeitern herrscht große Unzufriedenheit. Bis tief in die höheren Bürgerkreise hinein findet die Enttäuschung darüber lebhaften Ausdruck, dass die Erfüllung der Hoffnungen auf eine freiere Gestaltung des Staats-Wesens sich nicht verwirklicht. In der Arbeiterschaft hat dies dazu geführt, dass die Überzeugung, wir führen einen Verteidigungskrieg, verloren gegangen ist. Die Bevölkerung ist noch ruhig. Es ist aber zu befürchten, dass sich die stille Gärung bei irgendeinem Anlass, zum Beispiel einer weiteren Verschlechterung der Ernährung, entladen und dass sich die Massen der Lenkung ihrer Führer entziehen“.

Entsprechend dieser Situation rief der Spartakusbund in seinen Flugblättern insbesondere die Werktätigen auf, das sinnlose Massenmorden an den Fronten zu beenden. Im Ergebnis der Antikriegsagitation durch den Spartakusbund insbesondere in Berlin und den umliegenden Industrieorten kam es in der Rüstungsindustrie in Berlin, Brandenburg/Havel, Fürstenwalde, Golm, Luckenwalde, Nowawes (heute Babelsberg) und Potsdam zu größeren Streiks. Durch den Kreis der revolutionären Obleute erhielt die Berliner Spartakuszentrale im Herbst 1918 zuverlässige Nachrichten über die Stimmung der Arbeiterschaft. Ausgehend von der Lagekenntnis im Land kam es nun darauf an, sich auf den revolutionären Umsturz intensiv vorzubereiten. Die Spartakuszentrale kam zu dem Entschluss, (neben der Vorbereitung eines Generalstreiks) sich mit der illegalen Bewaffnung zuverlässiger Teile der Arbeiter ein Fundament zur Sicherung des Umsturzes der Regierung zu schaffen. Für Berlin und die Randgebiete der Stadt übernahm Otto Franke aus Niederlehme bei Berlin diese Aufgabe. So beschaffte er mit einer Reihe von Helfern aus den Rüstungsbetrieben in Reinickendorf, Marienfelde und den Waffenwerken aus Berlin-Oberspree sowie aus Spandau Gewehre, Pistolen und Handgranaten nebst Munition für die Waffen. Ein Großteil der Waffen wurde in den AEG-Großbetrieben in Berlin und Hennigsdorf für den Ernstfall versteckt. In Kenntnis des bewaffneten Aufstandes der Matrosen in Kiel am 3. November 1918 gelang es der Spartakusgruppe in Hennigsdorf Kreis Osthavelland, die Arbeiter und Angestellten in den dortigen AEG-Betrieben am 6. November 1918 für die sofortige Beendigung des Krieges zu mobilisieren. Der Landrat von Nauen benachrichtigte den Regierungspräsidenten in Potsdam, dass in den Hennigsdorfer AEG-Werken mit Flugblättern und mündlicher Agitation zum Streik aufgefordert wurde. Geschlossen legten am 9. November 1918 die ca. 10.000 Arbeiter und Angestellten die Arbeit nieder. Siebzig Prozent der Belegschaft marschierte zunächst nach Schulzendorf bei. Berlin und von dort zur Berliner Innenstadt weiter. In Berlin-Mitte erhielten die Hennigsdorfer Demonstranten Waffen und nahmen an der Massenkundgebung im Berliner Lustgarten teil, auf der Karl Liebknecht die sozialistische Republik ausrief.

In einem Staatstelegramm berichtet der Regierungspräsident in Potsdam an die „Meldestelle Innenbereich“ Berlin, dass die Hennigsdorfer Fabriken nebst Veltener Zweigwerken von den Arbeitern übernommen worden sind. An der Spitze des Arbeiterrates, der ebenfalls am 9. November 1918 gebildet wurde, stand als Obmann des Betriebes Heinrich Weber. Die überwiegende Mehrheit der Mitglieder des zentralen Arbeiterrates setzte sich aus Vertretern aller Fabriken in Hennigsdorf und Velten zusammen und gehörte der USPD an. Dem Beispiel der Industrieorte Hennigsdorf und Velten, Arbeiter- und Soldatenräte zu bilden, folgten im Land Brandenburg die Werktätigen in den Städten von Potsdam, Beeskow, Storkow, Calau, Cottbus, Frankfurt/O, Luckau, Perleberg, Rathenow und Zehdenick. Im Ringen gegen die konterrevolutionäre Gefahr entschlossen sich die revolutionären Hennigsdorfer und Veltener Arbeiter in beiden Orten KPD Ortsgruppen zu gründen, die auch fest verankert in den AEG-Betrieben waren.

Sie bewährten sich auch als Verteidiger des „Vorwärts“-Gebäudes in Berlin. Im Industrieort Hennigsdorf zeigte sich am Beispiel der Arbeiterräte, dass das Zentrum revolutionärer Tätigkeit zunächst nicht der Ort, sondern der Betrieb war. Das widerspiegelt auch die Protestresolution des Hennigsdorfer Arbeiterrates vom 18. Februar 1919, in der die schnelle Untersuchung des Mordes an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht gefordert wurde. Sie wurde in der „Roten Fahne“ vom 28. Februar 1919 veröffentlicht. Die Arbeiterschaft des gesamten AEG Konzerns, ca. 60. 000 Arbeiter und Angestellte, schlossen sich der Hennigsdorfer Resolution an. Ein bleibendes Ergebnis der Novemberrevolution in Hennigsdorf und Velten war, dass sich beide Industrieorte zu Zentren der Arbeiterbewegung im Land Brandenburg entwickelten.

Dr. Günter Wehner

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