Tagebuch der totgesagten Dichter

Eberhard Panitz:

Tagebuch der totgesagten Dichter
Verlag am Park Berlin 2013
Preis 14,99 Euro

Eberhard Panitz, 1932 in Dresden geboren, ist Schriftsteller. Seine literarischen Werke, Hörspiele und Filme waren in der DDR sehr beliebt und wurden mit hohen Literaturpreisen ausgezeichnet. Er schuf unter anderen interessante und außergewöhnliche Frauengestalten. Panitz gehört zu der Nachkriegsgeneration, zu denen, die mit dem Aufbau des Sozialismus erwachsen wurden. Heute sind sie die übriggebliebenen Zeugen, die altgeworden und „schon zusehends dezimiert, doch immer noch willens und in der Lage, dem schlimmsten Lauf der Dinge Contra zu geben.“ Und da wären wir schon beim Thema. In einer Zeit, in der alles, was aus der DDR stammt, dem Vergessen anheim fallen soll, blickt Eberhard Panitz über 250 Jahre zurück und begibt sich auf eine literarische Zeitreise durch das Sogenannte Land der Dichter und Denker. Diese spannende Reise besteht aus fünfzehn Schriftstellerportraits: Lichtenberg, Goethe, Schiller, Büchner, Heine, Tucholsky, H. Mann, Brecht, Seghers, Becher, Strittmatter, Werner, Görlich, Fühmann und Hacks.

Er legt keinen Wert auf umfassende Darstellungen. Vielmehr nimmt er einen wesentlichen Aspekt unter die Lupe, wie bei Büchner den „Hessischen Landboten“ und die Umstände seiner Flucht. Der zwanzigjährige Student bringt in seinem Aufruf „eindringlich und tiefgründig wie kaum je zuvor die Problematik einer Epoche zum Ausdruck.“ Eberhard Panitz schildert, wie sich Gelebtes in der Dichtung wiederfindet. Besonderes Augenmerk legt er auf die Tagebücher. Was einer nicht in der Öffentlichkeit sagen darf, das muß er doch wenigstens seinem Tagebuch anvertrauen können. So schrieb Georg Christian Lichtenberg in sein „Sudelbuch“ alles so hinein, wie er es sah. Tucholsky, der „sich bewußt in der aufklärerischen Tradition Lichtenbergs sah“, nannte sein Tagebuch, das er im schwedischen Exil führte, ebenfalls „Sudelbuch“. Weil Tagebücher viele unschöne und direkt formulierte Wahrheiten enthalten, kommen sie oft erst viele Jahre nach dem Ableben eines Dichters ans Licht, manche läßt man ganz verschwinden, wohlmöglich aus kleingeistiger Angst – wie die von Georg Büchner.

„Tagebuch der totgesagten Dichter“? Dem Titel nach erwartet der Leser, längst vergessene, wieder ans Licht gebrachte, Geistesgrößen. Doch die meisten der hier versammelten Schriftsteller sind bekannt, einige schrieben Weltliteratur. Auch vom politischen Standpunkt her ergeben sich Fragen. Was hat der Weimarer Minister Johann Wolfgang von Goethe in dem Katalog der totgesagten, totgeschwiegenen oder vergessenen Dichter zu suchen? Neben politisch Verfolgten wie Heine, Büchner, Seghers und andere? Goethe hat viele Gedanken und Entwürfe zurückgehalten, zuletzt den Faust II, weil er befürchtete, daß die Veröffentlichung zu seinen Lebzeiten einen Eklat herbeiführen könnte. Den Faust könnte man fast revolutionär nennen. Auch Bertolt Brecht kann man als einen „totgesagten Dichter“ bezeichnen, obwohl sein Gesamtwerk inzwischen eine Neuauflage erfährt. Einseitig interpretiert, vermarktet man ihn als Lyriker von Liebesgedichten handelt die „Dreigroschenoper“ wie ein Unterhaltungsstück. Über seine politische Identität herrscht Schweigen. Viele Schriftsteller, die Panitz nicht erwähnt hat, sind nach der „großen Säuberung‘ nicht mehr wieder aufgelegt worden wie beispielsweise Willi Bredel oder Hans Marchwitza. Es wird auch in Zukunft gute Schriftsteller geben, die sich den gesellschaftlichen Zuständen in unserem Lande stellen, und deshalb wird sie kaum jemand kennenlernen.

Eberhard Panitz‘ literarische Zeitreise läßt sich sehr gut lesen, ist spannend geschrieben und informativ. Einige Portraits eröffnet er mit einer kleinen Einleitung, die von seinen persönlichen Begegnungen mit den Dichtern und den Menschen erzählt, die ihm die Bücher nahebrachten. Auszüge aus Tagebüchern oder literarischen Werken, wie Heines „Harzreise“, bereichern die Portraits und regen zum Lesen an. Das „Tagebuch der totgesagten Dichter“ ist auch ein Sich-Besinnen auf die eigene schöpferische Kraft und den Sinn und Zweck von Kunst in einer Zeit der Entwertungen. Eberhard Panitz mag die Hoffnung noch nicht aufgeben, daß man einmal „die Siegel der schändlichen Zeiten aufbrechen und in den Büchern blättern und lesen wird, wie es immer mal wieder geschehen ist mit den totgesagten, vergessenen und verschmähten Dichtern.“

Ulla Ermen

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