Unverfälschte Geschichte

Hellmut Kapfenberger:
„Berlin – Bonn – Saigon – Hanoi“
Zur Geschichte der deutsch-vietnamesischen Beziehungen
ISBN 978-3-95514-006-9, Taschenbuch,
510 Seiten, zahlr. Fotos, 19,80 Euro

Von früher Kindheit bis ins hohe Alter begleitete die Menschen, die in der Deutschen Demokratischen Republik lebten, der Begriff der internationalen Solidarität. Ein großes Motivgefüge beförderte erstaunliche Leistungen. Wie Ereignisse nach 1990 zeigten, war der Begriff nicht in jedem Fall verinnerlicht. Dennoch: Facettenreich lebte die Solidaritätsbewegung. Wer sich als Person, Menschengruppe oder als Volk für Frieden und die Befreiung von Not und Unterdrückung einsetzte, konnte mit solidarischem Handeln aus der DDR rechnen. Zweifellos nahm die Solidarität mit Vietnam eine besondere Rolle ein. Hellmut Kapfenberger, ausgewiesener und profunder Kenner Vietnams widmet in seinem neuen Buch „Berlin – Bonn – Saigon – Hanoi“ Zur Geschichte der deutsch-vietnamesischen Beziehungen. mehrere Kapitel der beständigen Solidarität der DDR gegenüber Vietnam. Nach gründlichen Recherchen ist ein spannendes, an Details reiches Buch entstanden. Ins Blickfeld geraten die beiden deutschen Staaten mit ihrer vom Grundsatz her unterschiedlichen Position in der Nachkriegsgeschichte. Ihre jeweilige Rolle bei der erbarmungslos in weltpolitischer Dimension geführten Auseinandersetzung der Blöcke wird an der Haltung gegenüber dem um seine Freiheit ringenden Vietnam verdeutlicht. Hierbei, schreibt Kapfenberger, „braucht sich die DDR ihrer Vergangenheit nicht zu schämen. Weder hat sie einen Aggressionskrieg, einen flagranten Bruch des Völkerrechts, Kriegsverbrechen ungeheuren Ausmaßes jahrelang gutgeheißen, politisch materiell und finanzielle nach Kräften unterstützt, noch hat sie je einen ‚ihrer‘ Söhne in diesem Krieg an der Seite des Aggressors an oder hinter die Front geschickt. Die Bundesrepublik kann das von sich wahrlich nicht sagen.“ (S.15) Dabei geht der Autor präzise auf die vielfältigen Aktionen gegen den Vietnam-Krieg in der Bundesrepublik ein und dem Leser erschließt sich, in welcher Breite es gelang, Bündnisse zu schaffen, die sich eindeutig mit den Menschen in Vietnam solidarisierten und die unterstützende Rolle der Bundesregierung verurteilten. Aufschlussreich für die Beurteilung bundesdeutscher Absichten, sich an Kriegen zu beteiligen, ist das Kapitel >>Bundeswehrstrategen wittern Morgenluft“. Hier zitiert der Autor eine Studie der Führungsakademie der Bundeswehr aus dem Sommer 1964 „Die Bestätigung des deutschen Soldaten in der Gegenwart“, in der eine deutsche Beteiligung am Krieg in Südvietnam favorisiert wird, weil sich dann ein Sieg der USA und Südvietnams als nicht denkbar ohne Bundeswehreinsatz darstellen lassen würde. In der streng vertraulichen Studie heißt es u. a.: „Die junge Bundeswehr braucht einen sichtbaren Erfolg. Er würde nicht nur die These erhärten, daß Deutschland den richtigen Bundesgenossen auf seiner Seite hat, sondern würde außerdem klarstellen, daß jeder Bündnispartner mit diesem Deutschland und dieser Bundeswehr rechnen muß.“ (S.167) 1999 in Jugoslawien wurde der damalige Konjunktiv Realität. Sachlich und objektiv fügt der Autor vielfältigste Zeitdokumente zu einem wahren Geschichtsbuch zusammen, das nachvollziehen lässt, warum bis in die Gegenwart deutsch-vietnamesische Beziehungen kritisch und sehr differenziert zu betrachten sind. Das Buch richtet sich nicht nur an Vietnaminteressierten, sondern an alle, die bereit sind, sich mit unverfälschter Geschichte in ihrer Komplexität zu befassen.

Der vom Autor zusammengestellte Dokumentenanhang kann kostenlos unter der Internetadresse
http://www.gutes-lesen.de/berlin-bonn-saigon-hanoi benutzt werden und stellt eine wertvolle Bereicherung des Buches dar. Ein Personenregister wäre für das unbedingt empfehlenswerte Buch nützlich gewesen.

Gerhard Hoffmann

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