Wer mich rein und recht beurteilen will, muß mich in meinem Ganzen nehmen

Zum 250. Geburtstag Jean Pauls – Homage an einen großen „Dichter in dürftiger Zeit“

Am 21. März, im Jahre 1763, wo der Hubertusburger Friede zur Welt kam, wurde Jean Paul, eigentlich Johann Paul Friedrich Richter, im fränkischen Wunsiedel als Sohn eines Organisten und Schulmeisters geboren. Im Gegensatz zu seinem Zeitgenossen und Dichterkollegen Johann Wolfgang von Goethe, der „seinen Lebensbeginn mit einer besonders günstigen Sternenkonstellation in Beziehung bringt“, nennt Jean Paul in seiner Selberlebensbeschreibung „das politische Hauptereignis seines Geburtsjahres“. Keine zufällige Erwähnung, entstammt er doch den Schichten der Bevölkerung, die bis heute den größten Blutzoll für die Kriege der Großen und Mächtigen leisten müssen. Als die deutschen Fürsten auf die Revolution mit dem Einmarsch ihrer Armeen in Frankreich antworten, breitet sich wieder ein jahrelanger Krieg über Europa aus. Des Dichters Antwort darauf findet man in seiner politischen Schrift, Dämmerungen über Deutschland (1809), in Gestalt einer Kriegserklärung gegen den Krieg.

Jean Pauls Weg zu einem der bedeutendsten Schriftsteller des 18./19. Jahrhunderts war hart und steinig. Hungerzeiten blieben ihm nicht erspart. An seinen ersten schriftstellerischen Erzeugnissen, den Satiren Des Teufels Papiere und Die Grönländischen Prozesse, zeigten die Verleger nur geringes Interesse. Der Durchbruch kam 1793. Jean Paul schickte das Manuskript seines ersten Romans Die unsichtbare Loge an den ihm wesensverwandten Schriftsteller Karl Philipp Moritz, welcher nicht nur die ganz große Begabung des jungen Autors erkannte, sondern begeistert feststellte: „… das ist noch über Goethe, das ist was ganz Neues!“ – Moritz, der den harten Weg vom Hutmacherlehrling zum Professor an der Berliner Kunstakademie geschafft hatte, machte sich mit seinem autobiographischen Roman „Anton Reiser“ einen Namen. Jean Paul entwickelte, an sein Vorbild angelehnt, die psychologische und realistische Literaturweiter. Mit diesem Roman wurde auch der Name geboren, unter dem der Dichter Literaturgeschichte schrieb. Taufpate war der schweizerische Schriftsteller, Philosoph und Pädagoge Jean Jacques Rousseau, der wichtigste geistige Vorbereiter der Französischen Revolution. So entstand ein Roman über ein bürgerlich humanistisches Erziehungsmodell und die revolutionären Zirkel in den deutschen Kleinstaaten. Sein zweites Buch Hesperus machte ihn über Nacht berühmt, und es dauerte nicht lange und Jean Paul folgte 1793 einer Einladung nach Weimar. Über mehrere Jahre kam er mit Fürsten und berühmten Geistesschaffenden seiner Epoche in Berührung. Als interessanter und witziger Gesprächspartner wurde er gerne und oft in die literarischen Salons eingeladen. Doch die berühmtesten Vertreter der deutschen Klassik betrachteten ihn eher argwöhnisch. Schiller fand ihn „fremd wie einen, der vom Mond gefallen ist.“ Am nahesten war ihm Gottfried Herder. Als dieser 1800 starb, verließ Jean Paul Weimar für immer.

Während der Weimarer Aufenthalte entsteht 1797 eines seiner besten Werke, der erste große Eheroman, Ehestand, Tod und Hochzeit des Armenadvokaten F. St. Siebenkäsim Reichsmarktflecken Kuhschnappel, dem zweiten bedeutenden Eheroman „Wahlverwandtschaften“ von Goethe ebenbürtig, in der „Darstellung des Sozialen, aber weit überlegen“. Der Roman handelt vom Scheinsterben des Armenadvokaten Siebenkäs, der auf diesem Wege sich und seine Frau aus dem Käfig der konventionellen Ehe befreit. Denn nicht Liebe hat beide den Bund schließen lassen, sondern der Heiratsmarkt. Falsche Erwartungen und gegenseitiges Unverständnis führen zu ständigen Kontroversen, die authentisch und mit unvergleichlichem Sprachwitz zur Darstellung gebracht werden. Jean Paul hat sich in seiner Vorschule der Ästhetik mit Dichtungskunst und dem Wesen des Humors auseinandergesetzt. Von den realistischen Theorien eines Shakespeares oder Cervantes ausgehend, entfernt sich Jean Paul mehr und mehr von Vorbildern: „Er muß nicht mit schroffen Gegenüberstellungen arbeiten wie ein Cervantes.“ Statt dessen schreibt er „haarscharf am Realistischen und Phantastischen dahin. Hier steht nicht mehr eine unerreichbare Idealwelt einer unveränderbaren Realwelt gegenüber, sondern eine freiere Lebensauffassung einer gefesselten.“ Jean Pauls Protagonisten sind die nie müde werdenden „Aufmüpfigen und Unangepaßten“.

Die Technik des Dualismus erfährt in den Werken Jean Pauls höchste Vollendung. Sie führt aus der Enge in die Weite. Das Erwachen aus einem Alptraum gleitet in ein malerisches Stimmungsbild. Idyllen sind Scheinidyllen. Soziale Gegensätze stoßen aufeinander. Dialoge grundverschiedener Charaktere „bringen erstarrte Weltbilder in Bewegung“. So wird die schwärmerische Naivität eines Walt in dem großartigen, unvollendeten Roman Flegeljahre – eine Art Gegenentwurf zum klassischen Bildungs- und Entwicklungsroman – durch seinen ironischen und abgeklärten Zwillingsbruder Vult in Frage gestellt. Die Vorstellungen und Gedanken, die musikalischen Metamorphosen gleich entwickelt werden, die sehr differenzierten Natur- und Seelenschilderungen, die in die Handlungen einfließen, beweisen die Meisterschaft eines Dichters, der das Zusammenspiel von Form und Inhalt vollkommen beherrscht. Jean Paul schafft ausschließlich Prosa, weil diese Kunstform der Vielschichtigkeit des Lebens am ehesten gerecht werden kann.

Der poetische Realist Jean Paul „nimmt eine Sonderstellung ein, steht zwischen den großen literarischen Strömungen seiner Zeit“, weil sich sein Humanismus weder als „idealisierte Wirklichkeit über das Leben legt“ (Klassik) noch in Weltflucht verliert (Romantik), sondern als Möglichkeit im wirklichen Leben vorhanden ist. Jean Paul gehörte zu den fortschrittlichen Denkern seiner Zeit, die die Französische Revolution begrüßten. Wie viele Befürworter wandte auch er sich vom sogenannten „Jakobinischen Terror“ ab. Doch im Gegensatz zu den meisten Intellektuellen, vor allem aus den Reihen der Romantiker, blieb er den Ideen der Revolution treu und „bewahrte das Licht der Aufklärung auch in Zeiten des Chauvinismus und der Restauration vor dem Verlöschen.“ Jean Paul starb 1825 in Bayreuth.
Ulla Ermen

Anhang: Zitate und Titel von Jean Paul heben sich im Text durch Kursivschrift ab. Die in Anführungsstriche gesetzten Textstellen stammen von Friedrich Hölderlin, Günter de Bruyn, Walter Höllerer und Herbert Scurla. Die Quellenangaben fehlen aus Platzgründen, werden bei Bedarf mitgeteilt.

Jean Paul – Sämtliche Werke in Einzelausgaben Hanser Verlag München und Reclam Verlag Leipzig Preise 5,00 EURO – 29,00 EURO pro Exemplar

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