Woran bemesse ich eine menschliche Gesellschaft? Gedanken zu dem Buch „Lebendige DDR“

Mit „Lebendige DDR“ hat Horst Jäkel einen weiteren Band aus der Reihe „Spuren der Wahrheit“ herausgegeben: „Die rund siebzig Autoren dieses Buches haben in der Deutschen Demokratischen Republik gelebt, für sie gearbeitet, sie weltweit vertreten. Sie wissen von den Schwierigkeiten des sozialistischen Aufbaus, freuten sich über die Erfolge und haben Fehler und Schwächen schmerzlich empfunden. Ihnen geht es weder um Verherrlichung noch um Verdammung, sondern um die geschichtliche Wahrheit.'“ – die von den Aufarbeitern des so genannten SED-Unrechtsstaates verschwiegen wird. Geschichtliche Wahrheit, was ist das? Ist sie nicht das Substrat aus den vielen von Menschen erlebten Erfahrungen und umgesetzten Vorstellungen, das Wesentliche einer Epoche?

Die Beiträge, ob als Erlebnisschilderung, Betrachtung oder Dokumentation niedergeschrieben, vermitteln das umfassende Bild einer Gesellschaft, deren Entwicklung zu immer mehr Fortschritt führte und beweisen, dass in der Deutschen Demokratischen Republik an einer gerechten und menschlichen Gesellschaft gearbeitet wurde. Dazu gehörte, die „Forderungen der Arbeiterbewegung einzulösen“ und die allgemeinen Menschenrechte zu verwirklichen und vieles mehr. Dieser Prozess verlief natürlich nicht ohne Widersprüche und Fehler.

Das Buch ist nach Themen geordnet und beginnt mit geschichtlichen Reflexionen. Am Beispiel der „zwei Diktaturen“ zeigen Autoren wieder einmal mehr, dass der „Umgang mit Geschichte“ von Interessen gelenkt wird. Dreist wird die DDR mit der Nazidiktatur verglichen, obwohl es viele Tatsachen gibt, die für einen nahtlosen Übergang des deutschen Faschismus zur bürgerlich parlamentarischen Demokratie in der Bundesrepublik sprechen.

Der Bruch mit dem Faschismus geschah in der Deutschen Demokratischen Republik. Das beweisen die Berichte: Ob beim Aufbau der sozialistischen Industrie oder beim „antifaschistisch demokratischen Wandel auf dem Lande“. Ob in Bildung oder Kunst, im Film, überall war die DDR innovativ, stand im Vordergrund der Mensch und nicht die „kapitalistische Forderung nach Maximalprofit“. Sei es im Gesundheitswesen, in der gewerkschaftlichen Sozialpolitik oder in der zunehmenden Gleichberechtigung der Frau. Die DDR wagte das Neue. Auch in der Außenpolitik. Helga Hörz berichtet selbstbewusst über ihre Arbeit bei der UNO. Sie weiß, welch‘ großen Anteil der kleine Staat DDR an der Formulierung der Menschenrechtskonventionen in der UNO hatte.

Hugo Gräf, einer der frühen Gesundheitspolitiker schreibt, wie hier die „grundsätzliche Neugestaltung“ aussah. Dazu gehörte die kostenlose und qualifizierte Behandlung, die allen Bürgern in gleicher Weise zukam. Das ist nur möglich durch die „Befreiung der Heilberufe von Bürokratie und Kommerz“. Die heute viel diskutierte und als fortschrittlich dargestellte Bürgerversicherung gab es bereits in der DDR, was selbstredend verschwiegen wird.

Der Zugang zu möglichst viel Bildung wurde in der DDR groß geschrieben, beginnend mit frühkindlicher Förderung. Eine besondere Bedeutung galt dem Kinderfi lm, an den höchste Ansprüche gestellt wurden. Die DEFA produzierte 153 Filme für Kinder, Märchenfi lme und Spielfilme, die ästhetisch und anspruchsvoll „die Probleme der Kinder in der Erwachsenenwelt“ zur Darstellung brachten. Der Mehrwert, den die DDR-Industrie hervorbrachte, wurde in den Menschen investiert, in seine Gesundheit, Lebensqualität und in die Förderung von Kultur und Allgemeinbildung.

Der ausgewählte Autorenkreis spricht für Qualität. Doch der geringe Anteil an Beiträgen von Frauen spiegelt meiner Meinung nach nicht die DDR-Realität wider. Die abwechslungsreiche Gestaltung durch viel Bildmaterial, Photos und Kunstdrucke verstärken die Aussagekraft von Texten und steigern den Genuss, auch beim nur gelegentlichen Durchblättern. Inhalt und Ästhetik bedingen einander. Es ist ein schönes Lesebuch, das nicht zum gradlinigen Durcharbeiten zwingt, sondern den Leser einlädt, mit dem zu beginnen, was ihm gerade ins Auge fällt.

Ulla Ermen

Lebendige DDR
Herausgegeben von Horst Jäkel
GNN Verlag Schkeuditz 2011
430 Seiten – 19,50 Euro

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*